Draußen ist die Schweiz

Es gibt sie, diese Wochen Tage. Für gewöhnlich beginnen sie so: Es ist 6.27 Uhr, ich werde wach und beglückwünsche mich selbst dazu, neben mir noch regelmäßige, tiefe kindliche Atemzüge zu vernehmen. Um 6.30 Uhr bringe ich den Mut auf, mich mit lautlos wie eine Mischung aus Phantom und Ninja-Kämpfer aus dem Bett zu rollen. Hinter meiner Stirn dröhnt es nur „Kaffee, Kaffee, Kaffee!!! Alleine, alleine, alleine!!! Yeah, Yeah, Yeah!!!“. Um 6.31 Uhr vernimmt einer der Zwillbos mit dem Hörvermögen einer Fledermaus, wie sich bei meinem morgendlichen Stunt die Atome des Spannbettlakens verschieben. Doch anstatt eines freudigen „Mama!!!“ erschallt Gebrüll aus dem Bett hinter mir, noch während ich meine Hand nach der Freiheit Türklinke ausstrecke.

Morgens bitte keine Menschen 

Manchmal schaffen wir diesen fulminanten Auftakt auch ohne große Umschweife, nämlich indem ich direkt mit Geschrei geweckt werde (an dieser Stelle möchte ich meine Herzklappen grüßen und ihnen für ihre Tüchtigkeit danken!). Ich kann ja morgens eigentlich nicht so gut. Ich kann gut früh aufstehen, aber ich kann eigentlich bis ca. 10.15 Uhr nichts mit Menschen machen. Zumindest nichts, was die Kommunikation und den direkten Kontakt mit Menschen betrifft. Kinder sind da eigentlich eher ungünstig – zumindest meine Kinder, die mit Aufschlagen ihrer Augen sofort ihre mentale Höchstflughöhe und ihre übliche Reisegeschwindigkeit erreicht haben (es sei denn, sie schlagen die Augen verfrüht nach einem Mittagsschlaf auf, aber das ist eine andere Geschichte).

Gute Aussichten.


Wenn die Brut vergnüglich den Tag beginnt, ist sie erstmal damit beschäftigt, durch die Wohnung zu stürmen und unter lautstarkem Gequieke Spielzeug-Inventur zu betreiben. Das erlaubt es mir dann zumindest, mein sich im Ruhe-Modus befindendes Gehirn mit einer hohen Dosis Koffein zu versorgen und ihm so vorzugaukeln, der Tag sei unlängst fortgeschritten. Beginnt der Morgen allerding bereits mit kleinkindlicher Verzweiflung darüber, dass man den Schlafsack gerne ausziehen, aber andererseits doch auch gerne anbehalten möchte, oder dass der Keks, den man mit Mühe aus der Sofaritze gepuhlt hat, unwiederruflich in zwei Teile gebrochen ist, wird es wirklich…schwierig. Da wünsche ich mir manchmal eher einen frühen Termin zur Zahnsteinentfernung, da kann man wenigstens schweigen. Und Zahnärzte brüllen einen erfahrungsgemäß auch selten an. Zumindest nicht, weil sie gleichzeitig mit ihrem Zwillingsbruder auf den Arm wollen.

Schweiß und Tränen 

Solche Vormittage kosten uns alle hier – also die Zwillbos und mich, denn der Zwillbo-Papa darf muss sich ja dann alsbald ins Büro verabschieden – viel Schweiß und Tränen. Im Grunde hilft mir dann nur eins: Ich arbeite unter größtmöglichem Koffeineinfluss und tiefen Atemzügen darauf hin, dass wir uns halbwegs schadenfrei durch Frühstück (Die Kinder wollen Brot, aber nicht DAS Brot. Die Kinder wollen Joghurt, aber nicht DEN Joghurt. Die Kinder wollen Gurke, aber um Himmelswillen soll die doch nicht SO schmecken!), Wickeln, Anziehen der Kinder, Wickeln, Anziehen der Mutter, Umziehen der Kinder – weil Badezimmer unter Wasser gesetzt, Wickeln bugsieren, um schlussendlich zur Krönung unter den Privilegien einer Erziehungsberechtigten von schlecht gelaunten Mehrlingen zu kommen: dem Anlegen der Straßengarderobe. Doch es muss sein, denn das einzigen, was uns an Wochen Tagen wie diesen hilft, ist, das Haus zu verlassen.

Kleinkinder ankleiden ist ein großes Vergnügen. Nicht.


Draußen gibt es Menschen, die uns möglicherweise daran hindern, uns an den Kragen zu gehen. Es gibt Bagger zu inspizieren (manchmal ruft mich der Leiter des Tiefbauamtes an, weil er den Überblick über die Bauvorhaben im Stadtgebiet verloren hat; ich helfe da gerne weiter, ich kenne mich aus), die Arbeit der Müllabfuhr zu beaufsichtigen, Eichhörnchen aufzustören und es gibt allerhand Gullis, in die man kleine Stöcke hinein werfen kann (Entschuldigung, liebe Stadtentwässerung, aus diesem Grund helfe ich gerne mit meinem Baustellenwissen aus…). Draußen sammeln wir Steine und amüsieren uns über die Fenster-Dekorationen der Menschen im Viertel (die Zwillbos mögen Porzellan-Gänse und -Katzen sehr). 

Wutanfall-Zähler zurück auf Null

Ich kann mich nicht entsinnen, in meiner Karriere als Kleinkind-Mutter mal einen richtig miesen Tag im Freien verbracht zu haben. Draußen scheint der Boden neutral und der Wutanfall-Zähler zurück auf Null gesetzt zu sein. Draußen kann man zwar auch wütend werden, aber irgendwie sind die Zwillbos da zu beschäftigt, um große Dramen abhandeln zu können. Draußen wird das mütterliche Gehirn mit Sauerstoff versorgt. Draußen ist irgendwie immer alles anders. Draußen zu sein wirkt wie Aktivkohle auf die vergiftete Stimmung. Draußen ist unsere persönliche Schweiz. Es sei denn es regnet in Bindfäden und die Schweiz verhängt ein Einreisestopp wegen schlechten Wetters. Dann, liebe Leute, dann…was dann helfen kann, davon erzähle ich ein anderes Mal.

Ende gut, alles gut.

Sahen zwei Knab‘ ein Stühlein stehen

Die Zwillbos haben jetzt einen Tisch. Genau genommen, haben sie einen Tisch und zwei kleine Zwillbo-Stühle. Man kann gewissermaßen von einer richtigen kleinen Sitzgruppe sprechen, wenn man so will. An diesem kleinen Tisch könnten die Kinder sitzen und malen. Oder von mir aus auch Solitär spielen. Irgendetwas Friedvolles hatte ich jedenfalls bei dieser Anschaffung im Sinn. Und das ist doch auch so niedlich, wenn so kleine Menschen mit ihren kleinen Hinterteilen auf kleinen Stühlen sitzen und die kleinen Beine baumeln lassen!

Wider besseren Wissens

Ja. Ich hätte es ahnen sollen. Ich hätte es längst besser wissen können. Spätestens, als sich die Gebrüder im Kinderzimmer ihrer Zwillingsfreundinnen die Stühle schnappten, sie vor die Miniatur-Küche schoben, um selbige aus der Vogelperspektive zu betrachten, da hätte ich mir denken können, dass eine kleine Sitzgruppe in diesem Haushalt zu vielem beitragen könnte. Allerdings nicht unbedingt zu etwas Friedvollem. Der Mann hatte die letzten Schrauben noch nicht ganz im Holz versenkt, der Imbus glühte quasi noch nach, da starteten die Zwillbos bereits erste Versuche, die Stühle auf dem Bett und sich selbst oben drauf zu platzieren. Gut, warum klein anfangen? 

Zwillinge, bestuhlt.


Als sie dann dazu übergingen, die Sitzgelegenheiten in einer Art Wettrennen durch die ganze Wohnung zu schieben, dachte ich weniger an unseren Laminatboden als an die Mieter unter uns. Entschuldigung. Sie hätten einfach die Weihnachtsdeko mal ein bisschen flotter aus dem Treppenhaus entfernen sollen. Ich nehme vorerst Abstand davon, Filz unter den Stuhlbeinen zu befestigen. Sonst nehmen die Schieber noch ein Tempo auf, für das die Stühle am Ende gar nicht zugelassen sind. 

Wenn die Jungs gerade keine Rinne ins Laminat fräsen, nutzen sie die Ruhemöbel vornehmlich für einen Zweck: die Enttabuisierung sämtlicher auf ihrer natürlichen Körpergröße beruhenden Sperrzonen. Kürzlich traf ich Mads dabei an, wie er gerade Begriff war, seine Hand im Toaster verschwinden zu lassen. Der steht logischerweise nicht neben der Spielzeugkiste, sondern auf einem Sideboard. Natürlich habe ich mir intelligente Kinder gewünscht, aber muss man mit 18 Monaten schon schlau genug sein, um Stühle vor alle erdenklichen Objekte der Begierde zu schieben? Mir hätten halbwegs passable Schulnoten gereicht, bis dahin hätten sie sich meinetwegen mental ruhig ein wenig zurücknehmen können. 

Manchmal siegt die Schwerkraft

Wenn ich die Kinder suche, ist es nun allerdings ziemlich einfach. Im Zweifelsfall stehen sie auf ihren Stühlen vor dem Waschbecken und arbeiten daran, den Wasserstand im Badezimmer für eine Forellenzucht tauglich zu machen. Es ist eine große Freude, zwei Kleinkinder mehrmals täglich umzuziehen. Doch unbequemer ist für mich noch die Sorge. Eigentlich bin ich keine all zu hasenfüßige Mutter. Finde ich. Aber ich traue den kleinen, niedlich daher kommenden Stühlchen einfach nicht. Beziehungsweise weiß ich um ihre begrenzte Fähigkeit, kurzen, zappelnden, kletternden Zwillingsbeinchen standzuhalten. Irgendwann siegt die Schwerkraft doch, und das kann schmerzhaft sein. Also habe ich die Wahl: Ich kann die neue Sitzgelegenheit zuweilen unter Verschluss halten, oder ich habe keine ruhige Minute und muss aufpassen wie ein Schießhund. Allerdings wie ein Schießhund, der an zwei Orten gleichzeitig sein kann, denn leider haben die Zwillbos die Schauplätze ihrer Abenteuerlust noch nicht dauerhaft synchronisiert. Also stehen die Stühle gerade nicht dauerhaft zur freien Verfügung. Das erspart mir einen vorzeitigen Besuch beim Kardiologen. 

Mütterliche Wunschvorstellung, selten realisiert.


Der Tisch war bislang von nicht all zu großem Interesse. Eine Besteigung habe ich untersagt. Ich bin mir nicht sicher, ob die recht zierlich anmutende Tischplatte für mehr als 24 Kilogramm Traglast ausgelegt ist, schließlich ist damit zu rechnen, dass beide Kinder gleichzeitig darauf zu sitzen oder besser noch zu stehen gedenken. Ich bin gespannt, wann sie mit dessen Hilfe das erste Treppengitter und die Höhe der Wohnungstürklinke überwinden, um endlich mal ohne ihre Mutter zum Spielplatz zu gehen.

Hier schlafen vier – unser zwillingstaugliches Bett

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Kürzlich hat mich der Online-Shop Dormando hat um einen Blogbeitrag zum Thema „Guter Schlaf mit Kleinkindern“ gebeten. Insofern handelt es sich beim folgenden Text um einen vergüteten, d.h. Sponsored Post in Kooperation mit Dormando, aber er umfasst dennoch meine persönliche Meinung.

Wer unser Leben schon seit längerer Zeit mitverfolgt, der wird sie kennen: meine überbordende Fantasie. Ich hatte so meine pränatalen Vorstellungen darüber, wie wir mit den neugeborenen Kinderchen leben – und vor allem wie wir schlafen würden. Und dass wir schlafen würden. Oder besser gesagt sie [und darum auch wir]. Die Zwillbos sollten zunächst in einem und dann später in zwei Beistellbetten liegen, und ich dachte [haha, an dieser Stelle muss ich selbst lachen], wenn sie dann etwa zehn, zwölf Monate alt sind, schlafen sie sicherlich in ihrem eigenen Zimmer. Denn dann schlafen sie ja auf jeden Fall durch [ich lache immer noch. Sehr laut.].
Ich kannte Eltern mit Kindern, bevor ich selbst Mutter zweier solcher Exemplare wurde. Doch in der Regel habe ich diese nur tagsüber gesehen. Und meiner älteren Schwester beispielsweise hat das Leben außerordentlich gute Schläfer beschert, die meinen Realitätsbezug in dieser Hinsicht vollständig demoliert haben. Doch die Zwillbos belehrten uns schnell eines besseren.

Ausgangssituation.

Denn sie schliefen weder gut ein, noch durch, noch aus. Ach ja, und in ihrem Bettchen schliefen sie auch nicht. In diesen verwaisten Schlafstätten hat zumindest unser Kleiderschrank lange Zeit zwei vielgenutzte Außenstellen gefunden. Die Zwillbos schliefen zwischen uns. Zumindest nach etwa acht Wochen. Davor schliefen sie ausschließlich AUF uns. So etwas hatte meine Fantasie nun absolut nicht vorgesehen. Auf 1,80 Metern war anfangs auch wirklich genug Platz für uns vier. Doch Kinder wachsen. Ihre Schlafgewohnheiten ändern sich.

Mittlerweile schlafen die Jungs immerhin in ihren Betten. Ein. Sie schlafen in ihren Betten ein. Diese flankieren nach wie vor das elterliche Nachtlager, sie verfügen mittlerweile aber ringsum über Gitterstäbe, um eigenmächtig geplante Fluchtversuche frühzeitig zu verhindern. Dennoch vollzieht sich im Laufe der Nacht bei uns stets eine wundersame Wanderung. Meist ist Zwillbo Zwo der erste, der seinen Weg ins große Bett findet. Er schläft einfach vorzugsweise mit dem Kopf unter Mamas Rippenbogen. Das war in der Schwangerschaft schon so. Jetzt bohrt er mir halt von außen seine Rübe in die Knochen. Damit er nicht vom Vater überrollt wird –  eine weitere Fantasie der Mutter – muss er außen liegen, zwischen eben dieser und seinem Bett. Um zu verhindern, dass er dort in die bettrahmenbedingte Lücke rutscht, mussten lange Zeit unsere Sofakissen im Schlafzimmer als Polster herhalten. Vom Schlafzimmerausstatter Dormando haben wir allerdings vor kurzem einige Produkte zum Ausprobieren bekommen, die uns geholfen haben, unser Bett mit ein paar einfachen Handgriffen zwillingstauglich zu machen.

Der Umbau kann beginnen.

Während Mads sich also meistens schon im ersten Teil der Nacht fröhlich in meine Rippen bohrt, rutsche ich im Verlauf der selbigen immer weiter in die Mitte, wo ich bislang allmählich mit der Schulter zwischen den Matratzen versank. Aua. Von Besucherritze konnte nicht die Rede sein, denn ich verweilte dauerhaft dort. Pepe stößt meistens erst in den frühen Morgenstunden zu uns. Er nimmt dann den Platz links außen neben meinem Mann ein.

Als ich dem Zwillbo-Papa erzählt habe, dass ich bei Dormando eine Liebesbrücke entdeckt habe, hat das zunächst einmal SEINE Fantasie verwirrt – dabei ist das doch eigentlich meine Baustelle.

Simple Technik.

Dieser T-förmige Lückenfüller macht aus dem unliebsamen Spalt zwischen den beiden elterliches Matratzen eine einheitliche Liegefläche, die es mir ermöglicht, die Nächte fortan wesentlich bequemer zu verbringen. Sofern unsere beiden 17-Monate-alten Schlafstörungen es mir in letzter Instanz gestatten. Der Steg bleibt auch tatsächlich dort, wo er hingehört: zwischen den beiden Matratzen – sogar bei groß angelegten Tobe-Aktionen der Zwillbos, die hoffentlich weiterhin ihren Schwerpunkt im Tagbereich haben werden. Durch das Material (Schaumstoff) hat die Brücke so viel „Grip“, dass tatsächlich nichts verrutscht. Meine Schulter dankt es mir definitiv, dass sie die Nächte nicht mehr in der Versenkung verbringen muss.

Seitenschläferkissen für An-den-Seiten-Schläfer.

Weil man als Zwillingseltern zudem über ein gewisses erweitertes Einfallsreichtum verfügen muss, haben wir unser Bett noch um zwei Seitenschläferkissen (Maße: 40 x 140 cm) erweitert. Wenn die Jungs nachts herüber kommen, verhindern die Kissen, dass die Kinder an unerwünschte Stellen rutschten oder sich gegenseitig vom Schlafen abhalten – denn im Zweifelsfall kann man damit auch eine Barriere zwischen den beiden errichten. Wenn die Kissen  nicht als Kleinkind-Stopper in Gebrauch sind, erfüllen sie ihren eigentlichen Zweck: Ich nutze sie in der Seitenlage. Ich muss dem Mann dann keine Bettdecke mehr entwenden, um sie zur Schonung meines Rückens und meiner Gelenke zusammenzuknüddeln und zu umarmen. Seitdem die Sofakissen an ihren Ursprungsort zurückgekehrt sind, sieht es dort auch wieder richtig wohnlich aus.

Zwillbo außer Abrutschgefahr.

Nun lerne auch ich in Bezug auf meine Fantasie dazu. Zwar langsam, doch ich lerne. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass sich die Anzahl der Familienmitglieder, die in den nächsten vier bis sechs Jahren in unserem Bett schlafen, auf zwei begrenzen wird – nämlich den Zwillbo-Papa und mich. Also werden uns Kissen und  Liebesbrücke wohl auch in unser neues Schlafzimmer begleiten. Dort steht das Bett dann in einer Nische, in die es exakt hineinpasst. Dann wird es zwar nicht mehr von den Gitterbetten der Zwillbos flankiert, doch können die Seitenschläferkissen die Außenpositionen an der Wand wesentlich bequemer machen.

Mama als Platzanweiser.

Einen Bettumbau im großen Stil konnten wir uns auf diesem Weg ersparen. Wer also – ob freiwillig oder gezwungenermaßen – über ein Familienbett nachdenkt, kann vorhandenes Material ziemlich simpel ergänzen und familientauglich machen. Und wenn die Zwillbos große Jungs sind, haben sie doch garantiert viel mehr Bock in einem Piraten- oder Ritterburgenbett in ihrem eigenen Zimmer zu schlafen! Oder nicht?!

Mal biste Fels, mal biste Pudding

„Du bist ihr Fels“, schrieb der Mann mir, als ich ihm kürzlich ein Bild unserer Mittagsschlaf-Situation ins Büro schickte. Ein Kind lag sehr wirbelsäulenfreundlich rücklings quer über meinem Bauch, das andere bäuchlings auf meiner Brust. Ja, offenbar bin ich derzeit eine wichtige, haltgebende Instanz. 

Auch wenn ich mich an vielen Tagen wie ein Affenfelsen fühle, der von früh bis spät vom kleinen Klammerprimaten beklettert wird. Eine Liane wäre ganz nützlich, dann könnten sie sich selbst hinaufschwingen, das wäre sicherlich gelenkschonender für mich. Weil ich aber eh wie ein Orang-Utan-Weibchen die meiste Zeit des Tages auf dem Fußboden verbringe, können mich die Zwillbos meist ganz eigenständig erklimmen – und tun das auch. Manchmal bin ich selbst erstaunt, dass mir die Massivität der körperlichen Nähe nicht viel öfter zu viel wird. Es gibt diese Tage, da langt es mir dann nachmittags irgendwann. Dann möchte ich nicht, dass mir zwei Hände in den Haaren, eine dritte am T-Shirt und eine vierte in der Kaffeetasse hängt. Dann kann ich das nicht mehr gut haben. 

Nähebedürfnis respektieren

Ich sage das meinen Kindern auch. Zumindest bitte ich sie bestimmt, ihre oberen Extremitäten aus meinem Heißgetränk heraus zu nehmen und mir nicht an den Haaren zu ziehen. Die Nähe bleibt, aber eben etwas eingeschränkt. Ich denke, das ist für alle Beteiligten ok, weil die Zwillbos so auch lernen, die körperliche und koffeeinliche Integrität ihrer Mitmenschen zu achten. 
Ich wiederum versuche, ihr Nähebedürfnis zu respektieren und zu befriedigen – es muss ja nicht immer ganz oder gar nicht sein. 

Occupy Mama.


Pepe könnte sich schon noch vorstellen, 75 Prozent des Tages durchs Leben getragen zu werden. Aber dafür ist er mir schlichtweg zu schwer. Deshalb hocken wir viel gemeinsam auf dem Boden, und sein Bruder gesellt sich dazu, wann immer er nichts wichtigeres zu tun hat. Das hindert Pepe oftmals nicht daran, mich lautstark zu kritisieren, wenn ich es wage, mich mit ihm auf dem Arm niederzulassen. Ich denke allerdings, mit der Einschränkung an Höhe kann er leben. Eine Einschränkung der Nähe halte ich für kritisch, zumindest wenn sie so entschlossen eingefordert wird. Denn es handelt sich dabei um ein Bedürfnis. Die Kinder BRAUCHEN das einfach. Und ist das ein Wunder in dieser oft so beknackten, furchteinflößenden Welt, an deren Tempo, Lautstärke und Verrücktheit wir zuweilen schon ganz stumpf geworden sind? 

Unter anderem dieses Bewusstsein ermöglicht es mir an anstrengenden Tagen, ihnen diese Nähe zugeben. Nicht immer gleich gerne, aber schon bereitwillig. Oder umgekehrt. Denn Bedürfnisse, die befriedigt werden, sind irgendwann erfüllt und vorerst gestillt. Oder umgekehrt. Außerdem mache ich mir gelegentlich bewusst, wie begrenzt diese Zeit der Nähe doch sein wird. Noch ist es mein Vorrecht, ihr Fels zu sein – physisch und psychisch. Es ist anstrengend, aber es ist auch ein Privileg. 

Plüsch-Schlange in der Nase

An manchen Tagen bin ich allerdings nicht so massiv, wie man sich einen ordentlichen Felsen vorstellt. Dann habe ich wenig oder schlecht geschlafen. Dann bin ich krank oder mies gelaunt. Dann bin ich eher aus Blätterteig: Die vermeintlich feste Hülle beginnt beim kleinsten Piekser zu bröseln und am Ende des Tages kann man mich dann auf dem Küchenboden zusammenfegen und recyceln. Oder ich fühle mich wie Wackelpudding. Solche Tage beginnen meist damit, dass ich vorzeitig von einem der Kinder geweckt werde. Neulich bin ich etwa davon aufgewacht, dass man damit begann, mir Teile einer Plüsch-Schlange in die Nase zu schieben. Und zwar zu einer Uhrzeit, zu der ich meistens noch nicht einmal sagen kann, wie ich heiße.

 

Schön war es damals in der Nachrichtenredaktion. Gegen 11 Uhr habe  einen ersten Blick in den Agentur-Ticker geworfen – vorausgesetzt, ich musste keinen an Unmenschlichkeit grenzenden Frühdienst absolvieren. Das heißt, bis ich im Büro angekommen war, hatte ich wundervolle Stunden, in denen ich mit niemandem zu sprechen brauchte. Herrlich war das. Jetzt bin ich morgens froh um jede Minute, in der ich ohne die Nachkommenschaft wach sein kann, um mich zu sammeln. Manchmal tue ich auch noch so als würde ich schlafen oder als wäre ich gar nicht da. Allerdings fliege ich meistens ziemlich schnell auf. Lautlos zu bleiben, wenn einem jemand ein dickwandiges Bilderbuch gegen die Schläfe haut, ist gar nicht so einfach. An solchen Tagen muss ich mein System binnen Sekunden aus dem Negativbereich auf nahezu volle Leistungsfähigkeit hochfahren. Ich hasse sie. 

Ich bin dann weich im Kopf und in den Knien, und wenn die Zwillbos mies drauf bin, dauert es mehr Zeit als ich eigentlich für lebenserhaltende Maßnahmen habe, um mich bis zur Kaffeemaschine durchzuschlagen. „Bitte, bitte, bitte“, habe ich hier schon bettelnd auf dem Fußboden gesessen, „bitte lasst die Mama mal eben einen Kaffee kochen!“ Mit ausreichend Koffein und Zucker schaffe ich es aber auch an Wackelpudding-Tagen irgendwie, meine Form zu finden. Es hilft ja nichts. Wenn ich Glück hab, sitzen im Baum vor unserem Küchenfenster ein paar Tauben. Dann haben die Zwillbos begleitend zu ihrer Marmeladen-Stulle ganz große Unterhaltung. An noch gnädigeren Tagen ist der Himmel wolkenlos und wir können ein paar Flugzeuge beobachten oder ein Eichhörnchen bequemt sich in Sichtweite. Dann muss ich eigentlich nur darauf achten, dass die Intervalle zwischen den Brotstücken, die ich anreiche, nicht zu groß werden, und kann mich einigermaßen in Ruhe an meiner Tasse festhalten. 

Frische Luft zum Überleben

Wenn das Gartenkino nichts Interessanteres als mich im Programm hat, wird es hart. Dann muss ich da irgendwie durch. Dann muss ich tapfer sein, bis wir es irgendwie nach draußen geschafft haben und ich frische Luft atmen darf. Aber irgendwie geht es. Immer. Und wenn mir jeglicher Versuch, die Jungs in eine einigermaßen schickliche Tischkultur einzuführen, zu anstrengend ist, dann essen wir halt auf dem Fußboden. Dann gibt’s Stullen zwischen Spielzeugkiste und Spülmaschine. Dann lehne ich mit dem Rücken am Schrank und balanciere ein Brettchen und zwei Kleinkinder auf mir. Dann bin ich doch wieder Fels. Zwar ungekämmt und leicht steinschlaggefährdet, aber Fels.

Aus dem sozialen Funkloch gesendet

Ich befinde mich derzeit in einem zwischenmenschlichen Funkloch. Dort herein katapultiert wurde ich von einer Horde unkontrollierter Bazillen, die uns bislang mehr als drei Wochen soziale Isolation beschert hat – von einem winzigen Zwischenhoch einmal abgesehen [ich weiß, es geht noch schlimmer. Aber.].

Schauerliches Erkältungsduett

Die Zwillbos begannen mit einem schauerlichen Erkältungsduett, das sich bei Mads alsbald zur Bronchitis auswuchs. Das bedeutete mindestens drei Mal am Tag Klammerblues mit dem Pari-Boy und Nächte mit noch weniger Schlaf als üblich, weil ein Bellkonzert dem nächsten folgte. Ich wundere mich immer wieder, dass elterliche Herzen es so lange infarktfrei mitmachen, über Monate immer wieder mit Dezibelstärken einer Hubschrauberstaffel aus dem Schlaf gerissen zu werden – ob Husten- oder Schreikrampf macht da keinen großen Unterschied. 

Unser Freund, die Nebelmaschine.


Als ich mich schon selbst für mein schier unbesiegbares Immunsystem feiern wollte, hat mir selbiges die Loyalität mit sofortiger Wirkung aufgekündigt und mich mit einem gezielten Tritt in die oberen Atemwege von meinem hohen Ross herunter geholt. Und da saß ich nun, umgeben von verrotzten Taschentüchern und Kleinkindern. In einer derartigen gesundheitlichen Schieflage kann man sich ja in keiner Spielgruppe blicken lassen, das mit der kollektiven Hausstauballergie kauft einem doch keiner ab! Also leidet man zuhause. 

Dann sah es tatsächlich einige wenige unbeschwerte übermüdete Tage so aus als hätten wir die finale Schlacht gegen die Erreger erfolgreich geschlagen. Doch offenbar waren wir in einen Hinterhalt geraten. Blitzkriegartig ging ein neuer Virenhagel mit hohem Fieber und dubiosem Hautausschlag auf uns nieder. Oder besser gesagt, auf die Zwillbos. Aber als Eltern hängst’e da ja mit drin. Das ist bei Infekten im Kleinkindalter wohl genauso, wie in der Pubertät, wenn sie auf dem Schulklo beim Kiffen erwischt werden. 

Weiterhin Einzelhaft 

Das ganze war zwar ungefährlich, aber zwei dauerkranke Kleinkinder sind nicht unbedingt die dankbarsten Gesellschafter – schon gar nicht wenn man selbst eigentlich noch ein Fall für die Tuberkulose-Station ist. Mindestens. Wir verschanzten uns also weiterhin Zuhause – von kleinen Ausflügen auf die umliegenden Spielplätze einmal abgesehen. Und bislang haben die Gespräche dort kein Feuerwerk in meinem Belohnungszentrum abgebrannt [„Sind das Zwillinge?“ „Ja.“ „Die sind aber eineiig!“ „Nein.“ „Wie alt sind die denn?“ „17 Monate.“ „Da haben Sie aber ’ne Menge Arbeit…“ „Ich hätte auch lieber einen Hund gehabt, aber mein Mann fand Kinder cooler.“ Ich wollte nur gucken, ob ihr richtig aufpasst.]. Kurzum: Ich mag Spielplätze, aber nicht jeden, den wir dort treffen und sprechen. 

Vor ein paar Tagen ist mir aufgefallen, dass ich eigentlich den ganzen Tag mit keinem erwachsenen Menschen gesprochen habe. Mal abgesehen von der Kassiererin im Netto [„Mit Karte, bitte. Danke, Ihnen auch.“]. Den Mann sehe ich morgens meist nur fünf bis zehn Minuten im Vorbeigehen, und die Laute, die ich dann von mir gebe, werden weder Linguisten noch Soziologen als Sprache durchgehen lassen. 

Na gut, abends sehen wir uns dann ein paar Stunden am Stück. Dann referiere ich kurz über den Grad meiner Erschöpfung, schildere die Entwicklungsschritte unseres Nachwuchses und versuche geistig nachzuvollziehen, welche Aufgaben er beruflich derzeit bewältigt. Danach widme ich mich noch kurz meiner Ausbildung als Assistenzärztin der Chirurgie im Grey Sloan Memorial Hospital (Seattle), und dann gehe ich schlafen. 

Durchhänger, mittelschwer.


Tagsüber sprechen die Zwillbos und ich natürlich viel, es liegt ja allerhand an: „Piep, piep!!!!“ „Oh ja, da sitzt eine Taube im Baum vor dem Fenster!“ „Baum!“ „Ja, genau, das ist ein Baum.“ „Bitte schieb deinem Bruder nicht deinen Schnuller in die Nase.“ „Genau, das ist dein Popo. Ja, Mama hat auch einen Popo. Genau, Mads auch.“ „Papa ist arbeiten. Der Bagger war draußen auf der Baustelle. Ja, der Hund auch. Richtig, Opa hat auch einen Hund. Nein, Opa sehen wir heute nicht.“ „Stell dich bitte nicht auf das Lenkrad des Bobbycars. Nein, du auch nicht.“ Und so weiter. Es ist eine interessante Form der nervlichen Über- und der kognitiven Unterforderung, die sich in Zeiten wie diesen breit macht. Ich degeneriere zu einer Art besser aussehendem Gollum in der Großstadthöhle, der gierig in jeder Minute, in der die Kinder schlafen, über seinem Smartphone hängt und mit beinahe sabberndem Eifer Sprachnachrichten in die Welt hinaus schickt. 

Als der Virus dann ausgestanden war, hatte ich eine richtig gute Nacht mit viel Schlaf und wenig Kind. Morgens fing Mads dann erneut an zu husten. Wir inhalieren also wieder. Weil das Kind das ungefähr mit einer Hingabe über sich ergehen lässt, mit der es sich Zehennägel ziehen lassen würde, macht das meinen Alltag jetzt nicht unbedingt angenehmer. Aber hey: Schön ist das, dieses Elternsein, schön, schön, schön [an allen anderen Tagen.].

Unser Treppenhaus – Moloch und Kleinkind-Eldorado

Unser Treppenhaus ist ein Moloch. Es ist eine Mischung aus Durchgang, Abstellkammer, Wohnraumerweiterung und volkstümlichem Museum. Letzteres findet in der geschmacklichen Besonderheit einiger Hausbewohner bezüglich der im Treppenhaus zur Schau gestellten Dekorationsartikel seinen Ursprung. Wir wohnen unterm Dach. Das bedeutet, den Hauptverkehrsweg der Zwillbos säumen zwei Etagen voller Verlockungen. Treppab haben die Herrschaften meistens noch den nötigen Schwung, um nicht an jeder zweiten Stufe und jedem Absatz mindestens 15 Minuten lang zu verweilen. Treppab kann ich sie ködern, mit all den schönen Dingen, die es für sie in der aufregenden Welt da draußen zu entdecken gibt: Autos, Müllfahrzeuge, Bagger, Eichhörnchen, Hunde und der SPIELPLATZ. Aber der Alltag ist meistens keine Einbahnstraße und irgendwann müssen auch die härtesten Spaziergänger zurück in ihr postmodernes Domizil. Und da läuft es dann in der Regel etwas…anders.

Erster Halt: Erdgeschoss 

Wir erreichen unser Wohnhaus in der Regel mit dem Kinderwagen. Die Zwillbos thronen in ihren Sitzen, ich schiebe. Logisch. Ich ruckele den Zwillingskarren mit rund 25 Kilogramm Lebendgewicht die fünf Stufen zur Haustür herauf – soweit ist noch alles völlig unbeschwert. Im Hausflur dürfen die Herren dann aussteigen, und der bunte Reigen beginnt. Steht der Kinderwagen meiner älteren Schwester vor ihrer Wohnung im Erdgeschoss, habe ich manchmal Glück. Dann begnügen sich die Zwillbos damit, die Tasche ihrer Tante auszuräumen und vorzugsweise Handcreme und Kaugummies zu stehlen. Noch besser ist eigentlich, wenn meine Nichten vor der Türe aus ihren glitzernden und blinkenden Gummistiefeln gefallen sind. Sie können sich vielleicht nicht mehr vorstellen, welches Maß an Faszination derartiges Schuhwerk bei einem hervorrufen kann, doch seien Sie sich gewiss, es ist imens. Wenn die Brut aus dem Wagen ausgestiegen ist, muss ich das Gefährt wiederum vier Stufen herunter richtung Kellertreppe bugsieren. Denn dort ist die einzige freie Nische, die sich einigermaßen als Zwillingswagen-Parkplatz eignet. Ich zwänge selbigen tagtäglich an Schuhschränken und Kramkisten vorbei und bin derzeit noch froh, dass die Söhne noch nicht auf die Idee gekommen sind, das Aufbewahrungsmobiliar einer näheren Inspektion zu unterziehen.

Zugriff.

Es gab Zeiten, es waren leider nur wenige Tage, aber wenige Tage sind auch Zeiten, da nahmen die Zwillbos auf meine Anweisung hin auf der untersten Treppenstufe platz und warteten, bis ich ihre Kutsche verstaut hatte, und sie nach oben schaffen konnte. Doch nun haben die Kinder erkannt: Es sind der Möglichkeiten viele! Wenn ich Pech habe, macht sich eines von ihnen mit einem Affenzahn auf den Weg nach oben. Insbesondere Pepe sieht, seitdem er des aufrechten Ganges mächtig ist, nicht mehr ein, wieso er auf allen Vieren die Treppe herauf krabbeln sollte. Der Herr läuft lieber und hangelt sich am Geländer entlang. Das ist mir im Prinzip sehr lieb, denn so ist er motorisch bereits auf dem Weg zum eigenständigen Wechselschritt. Weil die Beine während dieser anstrengenden Ertüchtigung aber oft noch so wackelig sind wie die eines Rehkitzes kurz nach dessen Geburtsstunde, ist es mir lieber, wenn ich hinter ihm hergehen kann und quasi als menschlicher Lawinenbrecher fungiere, um einen all zu schweren Sturz abzufangen. Mads ist derzeit oft bequem und möchte lieber getragen werden, oder er krabbelt neben seinem Bruder nach oben. Das gewährleistet also oft einen unfallarmen Aufstieg.

Schuhtick.

In der Regel begibt sich Pepe allerdings bereits auf den Weg nach oben, während ich noch den Wagen parke und die Kellertür verrammele. Neuerdings klettert Mads gerne die vier Steinstufen, von denen er bereits einmal einen Köpper in den dort angesiedelten Schirmständer gemacht hat, hinter mir her. Das tut er nicht ohne Grund, denn vor der Kellertür wartet die nächste große Attraktion der alltäglichen Unterhaltungsmaschinerie: ein Straßenbesen und ein Bodenabzieher (diesen Begriff habe ich gerade gegoogelt). Nun stehen die Chancen für mich wieder 50:50 – entweder bekommt Pepe auf den Treppenstufen Wind von der unglaublichen Sause, die sein Bruder im Parterre gerade im Begriff ist zu veranstalten, und er begibt sich an den Abstieg, um mitzumischen. Oder ich muss einen der Beiden aus Sicherheitsgründen zwingen, es dem anderen gleich zu tun. Denn ich habe in den vergangenen 17 Monaten so einige neue Kompetenzen hinzugewonnen. Mich zweizuteilen gehört aber leider nicht dazu. Entweder brüllt dann also das ehrenamtliche Mitglied der Putzkolonne oder der verhinderte Treppensteiger.

Lösungsansatz: radikale Akzeptanz.

Als Zwillingsmutter habe ich allerdings gelernt, dass es verschiedene Abstufungen des Begriffs „Glück/Pech haben“ gibt. Also ist es nicht nur Glück, wenn beide Kinder artig warten, bis  wir kollektiv den Aufstieg beginnen können. Ich empfinde es auch schon als Glück, wenn sie sich gemeinschaftlich in die gleiche Richtung aufmachen – derzeit also gerne in Richtung Kellertür. Ich sitze dann auf Steinstufen neben dem Eimer mit den Regenschirmen und harre aus. Manchmal muss ich kurz zur Deeskalation beitragen, wenn die Zwillbos sich auf dem einen Quadratmeter vor der Kellertür mit den langen Stielen von Besen und Abzieher ins Gehege kommen. Manchmal muss ich mich aber auch nur ein bisschen darüber kaputtlachen, wenn sie vergnügt mit den Regenschirmspitzen ein stakkatoartiges Konzert auf dem Steinboden geben. Irgendwann hat es sich dann ausgespielt und die Herren lassen sich damit ködern, dass es auf dem Weg nach oben noch so einiges zu entdecken gibt. 

Nächster Halt: erste Etage

Vor der Wohnung in der ersten Etage verbringen wir dann wieder etwas Zeit. In der Weihnachtszeit stand dort ein Strauch aus Tannenzweigen, deren Errichter immerhin die Umsicht besaß, diesen mit Kunststoffkugeln zu behängen. Ich war schon immer froh, wenn die Zwillbos nicht die komplette Bodenvase umgeworfen haben, sondern wir lediglich abends diskret die gewaltsam entfernten Tannennadeln zusammenfegen mussten. Um uns eine besondere Freude zu bereiten, haben unsere Nachbarn neben ihrem Schuhschrank noch eine kleine Bank mit zwei Puppen aufgestellt, die eine Staubschicht auf sich tragen, die wohl bereits aus der Gründerzeit stammt. Es soll anscheinend ein Großelternpaar darstellen, das mit Pfeife und Strickzeug ausgerüstet ist. Die Brillen haben unsere Kinder bereits entfernt, nun stehen sie stets voller Begeisterung vor diesen Staubfängern und rufen lachend „Nein, nein!!!“, während ich versuche ihnen geduldig zu vermitteln, dass sie die beiden Puppen bitte nur streicheln und nicht werfen mögen, da sie nicht unser Eigentum sind. Kürzlich belauschte der Mann ein Gespräch zwischen unserem Nachbarn und dem Paketboten, in dem der Nachbar erklärte, man wolle die Puppen noch eine Weile dort sitzen lassen, weil die Zwillinge aus dem Obergeschoss eine solche Freude daran hätten. Danke. Für nichts. 

Haben sich die Zwillbos dann von den Polyester-Großeltern losgerissen, muss ich sie nur noch daran hindern, eine Schale mit Kerzen von der Fensterbank zu reißen, und sie bei der Bewältigung des nächsten Treppenabsatzes „unterstützen“. Dort steht mein Fahrrad. Manchmal holen sie sich an Kette und Federn noch eine Runde schwarze Finger vor dem Mittagessen. Manchmal schaffen wir es dann aber auch tatsächlich recht zügig bis in die Wohnung, wo ich die beiden dann mit mittelwenig Verständnis und Geduld ihrerseits aus Schneeanzügen, Mützen, Schals und Schuhen pellen darf. 

Ich halte es mittlerweile so: Ab- und Aufstieg sind einfach Teil unseres täglichen Bewegungsprogramms. Es dauert so lange wie es dauert. Ich versuche, dabei größere Verletzungen durch Stürze zu verhindern und die Jungs ansonsten einfach machen zu lassen. Irgendwie muss man ja schließlich lernen, alleine Treppen zu steigen – am besten nicht erst mit 14. Wenn wir irgendeinen Zeitplan einhalten müssen oder die beiden zu müde sind, habe ich die Trage dabei, dann schleppe ich einen Zwillbo auf dem Rücken und den anderen auf dem Arm direkt nach oben oder unten. Ich versuche, da nicht mehr nur in Erwachsenenkategorien zu denken, sondern nachzuvollziehen, was für die Kinder spannend und wichtig ist. Und wenn der Tagesablauf es zulässt, warum sollen wir dann nicht einfach ein bisschen Zeit in unserem sehr individuellen Treppenhaus verbringen?

Wie ich probiere, weitere „Kämpfe“ im Alltag zu umgehen, schreibe ich in einem der nächsten Beiträge. 

Heute bin ich mir nicht genug

Ich fühle mich heute als Mutter nicht genug. Nicht geduldig genug. Nicht liebevoll genug. Nicht gut genug. Nicht phantasievoll genug. Nicht einfühlsam genug. Nicht Waldorf genug. Nicht Montessori genug. Nicht bindungsorientiert genug. Nicht Weltfrieden genug. Ich find’s selbst fast bescheuert, denn es gab „nur“ zwei Situationen, die mies gelaufen sind, und die versalzen mir die Suppe des Tages, einer Suppe, die ansonsten mit vielen lustigen und liebevollen Momenten gewürzt war.

Das Kind hatte andere Pläne 

Ich wollte Pepe heute Morgen anziehen. Doch das Kind hatte andere Pläne. Es wollte vom Wickeltisch aus dem Fenster schauen, es wollte Wattestäbchen ausräumen, es wollte Bücher anschauen, es wollte Desinfektionsmittel aufschrauben, es wollte Creme essen. Also verwandelte sich der Zwillbo angesichts unseres Interessenkonflikts in zwölf Kilo Supermasse [eine physikalische Eigenschaft der Materie, die nur bei widerborstigen Kleinkindern vorkommt]. Ich glaube, ein Alligator ist nicht zwangsläufig einfacher zu entkleiden und zu wickeln. Ich denke, es gibt darüber lediglich noch keine Erkenntnisse, weil Alligatoren für gewöhnlich nicht gewickelt und angekleidet werden. 

Es war wirklich kein schöner Moment. Wir waren beide unfassbar aufgebracht. Ich war irgendwie komplett hilflos. Ich wollte doch zugewandt sein und mit meiner liebevollen Art das Kind zur Kooperation bringen. Haha. Und der nächste Friedensnobelpreis geht an Donald Trump. Ich war so wütend. Da hab ich ihn hoch genommen und auf die Matratze auf dem Fußboden gesetzt. Zu unsanft, wie ich finde. Natürlich hat Pepe weiter gebrüllt, ganz offenbar fand er mich in dem Moment genauso bescheuert wie ich ihn. 

Ich habe es nicht geschafft

Schon im gleichen Moment hätte ich mich für diese Aktion ohrfeigen können. Aber ich hab es nicht geschafft, ihn zu umarmen, geduldig zu sein, ihn gewähren zu lassen. Ich habe also erst Mads gewickelt und angezogen. Der Zweitgeborene hat offenbar gespürt, dass ich gerade überhaupt keine Kapazitäten für derartige Eskapaden habe, und hat es geschehen lassen. Pepe zeterte währenddessen weiter und ich fühlte mich unzulänglich. 

Manchmal reicht es nicht fürs gute Gefühl.


Den zweiten Versuch startete ich direkt eine Etage tiefer, auf der Matratze. Pepe, der sich zuvor ein wenig beruhig hatte, brach sofort wieder in Tränen aus und stemmte sich mit allem, was ihn zur Verfügung stand, gegen meinen Griff. Mit letzter mentaler Kraft versuchte ich, ihn abzulenken [„Guck mal, ist die Lampe da eigentlich an?!“ Geht besser. Aber nicht an diesem Morgen.]. Erfolglos. 

Tränen auch bei mir

Da nahm ich ihn nochmal hoch und redete mit ihm. „Ich möchte dich jetzt wirklich wickeln und anziehen. Ich weiß, dass du das bescheuert findest, ich finde es auch total bescheuert und ich bin auch wütend. Ich beeile mich. Und es tut mir leid, dass ich so doof zu dir bin gerade, ich schaffe es nicht anders“, sagte ich zu ihm. Und dann ging es plötzlich irgendwie. Danach habe ich erstmal neben meinen spielenden Kindern gesessen und geheult. 

Kurz bevor wir dann zum Spazierengehen raus wollten, ergab sich ein ähnliches Szenario. Pepes Windel war zugedonnert bis unters Dach, und wieder wehrte sich das Kind als wolle ich es auf die Streckbank legen und nicht auf die Wickelunterlage. Es wollte halt „Auto gucken“, wenn es schon mal in der bequemen Situation ist. [Denn so sehr ich unsere Wohnung liebe, sie hat zwei große Schwachstellen: Sie liegt in der zweiten Etage, und die Gaubenfenster sind für die Kinder ohne weiteres nicht zu erreichen. Für mich ist es extrem anstrengend, beide gleichzeitig – denn wenn der eine im Genuss der Panaroma-View ist, möchte der andere es ihm gleichtun – auf dem Wickeltisch oder der Fensterbank beaufsichtigen und vor Abstürzen bewahren muss.] 

Es nagt an mir

Also wieder Gegenwehr. Es war keine kluge Idee, die Windel zu öffnen. Also eskalierte es wieder. Pepe brüllte und wand sich. Ich herrschte ihn an und kämpfte gegen die Kacke und gegen die Superkräfte, die der Zwillbo erneut entwickelte. In der Summe total unschön. Irgendwie haben wir es überstanden, aber insbesondere meine Stimmung war danach noch angeschlagener. Der Rest des Tages war schön. Er war verhältnismäßig unkompliziert. So unkompliziert, wie er mit zwei 16 Monate alten Menschen sein kann. Aber die Geschehnisse nagten an meinem Befinden und tun es noch. 

Ich möchte so nicht zu meinen Kindern sein. Ich möchte so überhaupt nicht sein, aber insbesondere nicht zu meinen Kindern. Ich möchte gewaltfrei erziehen, und auch Worte können Gewalt bedeuten. Ich fand meine Heftigkeit abstoßend und übergriffig. Ich weiß nicht, wie ich beim nächsten Mal damit umgehen werde. Pepe wird sich über Nacht vermutlich nicht in einen Wickel-Junkie verwandeln, der obendrein darauf steht, wenn ihm jemand die Bodyärmel unter den Ärmeln des Sweatshirts hervorpult. 

An manchen Tagen kann ich auf meine Pläne pfeifen und es nicht so wichtig nehmen, pünktlich irgendwo hinzukommen, der Küche das Minimum eines hygienischen Grundstandards zu verpassen oder mir die Zähne zu putzen UND die Haare zu kämmen. An manchen Tagen schaffe ich das nicht. Dann habe ich Grenzen und Bedürfnisse. Ich habe keinen Plan. Ich kenne mich nicht aus mit Kleinkindern. Wir sind im Blindflug, jeden Tag aufs Neue.

Dinner for Four – Silvester mit den Zwillbos

„Ach, was soll denn passieren?“, frage ich den Zwillbo-Papa am Silvesterabend. „Genieß lieber noch die Ruhe, nächstes Jahr sieht das alles schon wieder ganz anders aus.“ So weise. Und so ein Irrtum. 

Die Zwillbos liegen seit 20 Uhr in den Betten. Die Heizspiralen des Raclette-Grills schmeicheln unserer Küche mit warmem Licht. Ich trage eine saubere Bluse, der Mann ein sauberes Hemd. Der Sekt perlt in den Gläsern, wir stoßen schon mal an, um uns selbst für ein erfolgreiches Eltern-Dasein zu beglückwünschen. Unser zweiter Jahreswechsel zu viert. Im vergangenen Jahr haben wir um 17 Uhr Speed-Raclette gemacht, als die Zwillbos gnädigerweise mal woanders als auf unseren Armen geschlafen haben. Um 21.30 Uhr lag ich im Bett, kurz nach Mitternacht wurde gestillt. Prost. 

Traum von der ZDF-Silvestergala

In diesem Jahr sollte es ganz anders werden. Ich träumte davon, mit überdehntem Magen und Sektglas auf dem Sofa zu sitzen, Loriot, Dinner for one und die große ZDF-Silvestergala zu gucken und dann sanft dem Jahreswechsel entgegen zu schlummern. 

Es ist also 20.30 Uhr, die erste Ladung Käse wird über Tomaten- und Zucchini-Scheiben zu kalorienreichem Gold gebrutzelt, der Mann filetiert gerade das Steinofen-Baguette, als ich Mads höre. „Da! Da! Da!!!!! Lalalala!!!!!“ Mir schwant Übles. In der vorherigen Nacht fieberte das Kind. Es weinte dabei nicht etwa, nein. Es erzählte und lachte und war richtig schön gaga. 

Nun schlägt der zweitgeborene Zwillbo den selben Tonfall an und ich weiß, unter 40 Minuten komme ich nicht wieder von der Matratze hoch. Ich will aber. Ich will Käse. Und ich will Sekt. In welcher Reihenfolge ist mir gleich, Hauptsache, es passiert JETZT. Also breche ich die Regeln. Also tue ich etwas, was wir Abends nie tun. Ich nehme Mads wieder mit in die Küche. Er weiß gar nicht, wie ihm geschieht, wird er doch sonst stets zurück ins Bett gelegt, wenn er abends wach wird. 

Abendstund‘ hat Speckwürfel im Mund.

In der Diele treffe ich meinen Mann. Mit Pepe auf dem Arm, der im Schlafzimmer geschlafen hat. Aha. Immerhin sind wir von gleichem Geiste in dieser Angelegenheit. Die Kinder wirken irgendwie verdutzt, wie sie da zu später Stund‘ in ihren Hochstühlen sitzen. Aber sie scheinen zu versuchen, sich nichts anmerken zu lassen, damit die Eltern es sich nicht anders überlegen. Ich nehme an, dass man das mit 16 Monaten schon kann. Also futtert Pepe dem Mann die Speckwürfel weg, Mads beschränkt sich auf das Anbeißen von Cocktailtomaten. Diese Partylöwen. 

Zügige Raclette-Grillerei

So sitzen wir, die Eltern, da, im feinen Zwirn und müssen grinsen, weil alles mal wieder völlig anders ist als wir es uns vorgestellt haben. Aber wir finden das irgendwie nicht so schlimm. Das würde ja auch nichts an der Situation ändern. Nicht ganz so eilig wie im letzten Jahr, doch auch von einer gewissen Zügigkeit geprägt, essen wir den Inhalt einiger mit Käse überbackener Pfännchen. Sekt mag ich gerade irgendwie nicht trinken, ich sitze hier ja schließlich noch in meiner Funktion als Mutter. 

Es ist 21.45 Uhr, als wir unsere Abkömmlinge wieder ihrem Nachtlager zuführen möchten. Mads verhält sich relativ kooperationsbereit, obschon er mir fieberbedingt noch ein wenig irre und aufgekratzt erscheint. Pepe ist absolut nicht einverstanden mit unserem Vorhaben, den restlichen Silvesterabend ohne ihn gestalten zu wollen. Er ist da in seiner Meinungsäußerung ganz frei und brüllt alles zusammen. Zumindest hört man nun die Explosionsgeräusche der Geschosse der ungeduldigen Frühzünder in der Nachbarschaft nicht mehr. 

Ich habe Mühe, das sich drehende und windende Kind zu halten und schwitze in meiner Kunstlederhose. Die vormals saubere Bluse zieren verschiedene Sekrete. Der Eltern-Kind-Disput endet darin, dass ich 15 Minuten lang mit Pepe im Arm durchs Schlafzimmer wandere. Ich fühle mich, als sei ich versehentlich in eine Zeitmaschine geraten und im Neugeborenenalter der Zwillbos gelandet. Allerdings habe ich Pepes aktuelles Gewicht mitgenommen und wiege zwölf Kilogramm Lebendmasse hin und her. Doch es wirkt. 

Höchste Sicherheitsvorkehrungen

Irgendwann ist von dem akustischen Aufstand nur noch ein Piepen in meinem linken Ohr übrig und auch die körperliche Gegenwehr ist verklungen. So vorsichtig als hantiere ich mit Nitroglycerin, lege ich das Kind in seinem Bett ab. Ich pelle mich aus meiner Festtagsmontur und steige in die Jogginghose. Es ist 23.15 Uhr. Ich verstehe gar nicht, warum sich Menschen die Zeit bis Mitternacht mit Bleigießen oder stundenlangen Mahlzeiten vertreiben müssen, ist doch gleich schon so weit. In der Küche treffe ich auf den Mann, ähnlich gezeichnet von den Ereignissen des Abends wie ich. Wir grinsen. Und stoßen mit Bier und Sekt an. Glücklich ist der, der Silvester nicht so wichtig nimmt.

Mich würde allerdings schon interessieren, woher unsere Kinder von unserem Plan, zu zweit zu essen, wussten. Schließlich schlafen sie in der Regel immerhin die erste Nachthälfte ziemlich tief…

Ode an meine Kinder

Die Bommeln der Mützen auf den kleinen Köpfen wippen, als der Kinderwagen vom Hof rollt. Ich schaue heimlich, für die Zwillbos verborgen, durch das Fenster im Treppenhaus. Ihr wart in meinem Bauch. Ihr beide. Ihr seid aus mir hervorgegangen. Ich kann es mal wieder nicht fassen. Das sind unsere Söhne. Sie sind so unterschiedlich. Und so vollkommen. Ihr beide seid vollkommen.

Pure Wärme und dunkle Wildheit

Kleiner, mutiger Mads. Du gehst so oft unbeirrt deinen Weg durch diese große weite Welt. Stehst so sicher auf deinen kleinen Füßen, viel sicherer als ich, so kommt es mir manchmal vor. Du bist willensstark und so freundlich. Deine Augen sind pure Wärme. Und dunkle Wildheit, wenn du wütend wirst – und du kannst wüten, wie ein kleiner Feuersturm, wenn du über die Möglichkeiten deines Tuns anderer Meinung bist als dein Papa und ich. Doch so schnell verzeihst du und bist mir wieder ganz nah. Du küsst, du umarmst, du lachst. In dir ruhend strebst du in die Welt. 

Ich dachte in den ersten Monaten deines Lebens, du bräuchtest vielleicht einen kleinen Löwen an deiner Seite, der dich stark macht. Du wolltest meine Nähe, immerzu. Die Welt war dir oft zu viel. Zu laut. Mit zu vielen Menschen um dich herum. Mein Arm war dein Zuhause. Dabei hast du selbst ein Löwenherz, wie wir jetzt wissen. Du bist mutig und stark und trotzdem so feinfühlig.

Pepe, wie oft habe ich dieses Lied im Kopf wenn ich dich anschaue: Little Tornado von Aimee Mann. Sie singt mit so zarter Stimme von so großer Kraft. Deine Gefühle können Wirbelstürme entfachen. Bei dir und mir. Du bist so empfindsam. Oft saugst du die Welt mit all ihren Reizen, zwischenmenschlichen Schwingungen und all ihrem Geschehen auf wie ein Schwamm.

Du kannst über uns hinwegbrausen wie eine Naturgewalt. Du kannst verzweifeln an Materie, die sich dir widersetzt. Doch ebenso unermüdlich kannst du versuchen, kannst du üben, kannst du dich konzentrieren. Mit der gleichen Intensität kannst du lieben und lachen.

Der Löwe begleitet dich

Du kleiner Tornado, brauchst oft ein paar starke Leitplanken, und ich bin so dankbar dafür, dass wir dafür ausgewählt wurden. Den Löwen hast du dir nun als Begleiter ausgesucht, dein Bruder hat für Kuscheltier wenig übrig.  Deine Augen und deine Seele sind aus Gold. Höre niemals auf damit, dir das einzufordern, was du brauchst. 

Ihr seid vollkommen, und ich wünsche mir, dass die Welt, dass wir euch niemals zu sehr bändigen werden.

Ist doch nicht so schlimm? Ist es doch!

Mads, der zweitgeborene Zwillbo, ist ein kleiner Draufgänger. Allerdings im Schafspelz. Er stellt sich auf sein Rutscheauto, um an die Arbeitsplatte zu kommen. Jedoch bereitet mir das bei ihm kaum Sorgen, weil er in dem, was er tut, für gewöhnlich sehr überlegt und sicher vorgeht. So überlegt, wie ein 16 Monate altes Kleinkind eben vorgehen kann. Er verunfallt relativ selten im Gegensatz zum Erstgeborenen. Doch auch er hat seine Achillesferse. Oder besser gesagt sein Achillesohr. Denn auf laute oder unbekannte Geräusche reagiert das Kind sehr ängstlich. 

Das Kind sucht verängstigt das Weite

Als er kürzlich mit dem Handstaubsauger ins Wohnzimmer durchbrannte, waren der Zwillbo-Papa und ich gleichermaßen erstaunt. Denn Mads fürchtet sich unheimlich vor diesem äußerst lauten Gerät. Vielleicht benutze ich es deswegen verhältnismäßig selten. Denn sobald ich es anschalte und es laut losröhrt, sucht das Zwillingskind angstvoll das Weite. Auch bei dem Wohnzimmerausflug war es mit der Courage sofort vorbei, als wir den Kippschalter betätigten. Aber es hätte ja sein können… 

Nun sind hoffentlich die allermeisten Eltern geneigt, ihre Kinder ermutigen, trösten, beruhigen und beschwichtigen zu wollen. Und wie gehen wir dabei häufig vor? Wir sagen „Ist doch nicht so schlimm!“, „Ist doch nichts passiert!“, „Du brauchst keine Angst haben!“ und so weiter, der Phrasen sind da viele. Das Motiv dahinter ist mir klar. Es ist in der Regel wohl gut gemeint [unauslöschlich erscheint an dieser Stelle in meinem Gehirn in Leuchtbuchstaben – in großgeschriebenen Leuchtbuchstaben – einer der Lieblingssätze meiner Mama: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.]. 

Stuntman Mads. Ein echter Journalist fotografiert, bevor er deeskaliert.

Aber für Mads ist es in dem Moment schlimm. Er hat Angst. Und wer sagt denn überhaupt, dass er sie nicht zu haben braucht, wenn etwas dermaßen laut ist? Vielleicht ist er ja der einzige von uns, der diesbezüglich richtig tickt! 
Was geschieht, wenn wir nach einem Sturz behaupten „Nichts passiert, war gar nicht so schlimm!“? Schließlich sind wir da eben nicht beim 185. Versuch, aufrecht zu gehen, gestürzt, sondern unsere Kinder. Ich nehme an, für sie ist es in diesem Moment schlimm. Sonst würden sie nicht weinen. Sei es vor Schmerz, vor Schreck, vor Angst oder vor Wut, weil es mit dem Laufen eben immer noch nicht so klappen will, wie sie es gerne möchten. Aber wer sind wir, ihnen ihre Gefühle abzusprechen? Denn genau das geschieht an dieser Stelle. Und es wird zu ihrer Erlebenswelt. So wie ich empfinde, ist es nicht richtig. Meine Angst, meine Wut, meine Enttäuschung, mein Schmerz sind übertrieben. Sind nicht angebracht. Eh man sich versieht, hat man das lebensnotwendige Emotionsrepertoire eines kleinen Menschen in diktatorischer Manier zensiert. 

Regulieren heißt nicht wegmachen 

Natürlich möchte ich ermutigen, trösten, beruhigen. Es ist eine meiner zentralen Aufgaben als Mutter, diese kleinen Emotionsvulkane dabei zu unterstützen, ihre Gefühle regulieren zu können. Gesund regulieren zu können. Das bedeutet eben nicht, sie abzutrainieren. 

Um mal kurz unter meinem Heiligenschein hervor zu treten: Erst eben beim Abendessen habe ich den quengelnden Pepe angeherrscht, dass er jetzt eben warten müsse, mir seien bei Durchtrennung der Nabelschnur keine Zauberkräfte verliehen worden. Er wollte auf den Arm. Und kein Butterbrot. Er brauchte gerade etwas ganz anderes von mir. Mir gelingt es auch nicht immer, das Richtige zu geben. Zu sagen. Lautstärke, Stress, Übermüdung sägen an den hohen Idealen meiner Mutterschaft. Aber so ist das Leben. Dennoch bin ich bemüht. Um Empathie. Was tut mir denn gut, wenn ich gerade total wütend bin? Oder enttäuscht oder ängstlich oder schmerzerfüllt? Sicherlich nicht zu hören, dass gar nichts passiert ist. Dass das alles nicht so schlimm ist. Im Gegenteil. Das macht mich noch wütender. Oder verletzter. Und irgendwann irre, weil man seinen eigenen Empfindungen ja nicht mehr über den Weg trauen mag, wenn alle Elternwelt einem sagt, dass das, was man da spürt, eigentlich gar nicht da ist. 

Also versuche ich, die Zwillbos wütend sein zu lassen. Oder traurig. Oder ängstlich. Das Gefühl darf sich austoben. Und dann sage ich, dass ich verstehen kann, dass es einen ärgert, wenn man nicht mit dem Klostein spielen darf. Dass es aber eben hier keine Möglichkeit eines Kompromisses gibt. Oder ich warne Mads vor, wenn ich die Küchenmaschine anwerfe. Seit er ein Baby ist, hüpfen mein Mann und ich dabei albern auf und ab und machen lustige Geräusche. Deshalb findet Mads es jetzt meistens lustig, wenn es laut wird. Aber eben mit Ankündigung und Begleitung. 

Wir müssen aufpassen

Klar ist es nervig und für Erwachsene voraussehbar, dass man sich wehtut, wenn man einen Flachköpper vom Bett macht. Und warum? Vermutlich, weil wir es selbst erlebt haben, weil wir über einen Erfahrungsschatz verfügen, der im Verhältnis zu dem unserer Kinder steht wie die British Library zu einem halb mit Büchern gefüllten Billy-Regal. Aber dann zu sagen, „Da musst du aufpassen!“ ist Humbug. Denn wir müssen aufpassen. Weil wir es besser wissen. Und wenn wir nicht aufgepasst haben, was eben nicht immer hundert prozentig möglich oder nötig ist, dann ist es unser Job, zu trösten. Und dann zu zeigen, wie es klappen kann. Vielleicht 185 Mal und mehr. 

Möglicherweise müssen wir uns aber auch zugleich um unsere eigene Angst kümmern. Um unseren Schmerz und unsere Wut. Uns selbst öfter mal zu sagen, dass man sich versteht und dass es okay ist, sich so zu fühlen.