Es wird besser. Und anders.

Im Elternkosmos kursiert ein Satz, über dessen wahre Funktion ich mir lange nicht im Klaren war. „Es wird nicht leichter, es wird nur anders“, lautet dieser. Wann auch immer ich damit im vergangenen Jahr belehrt wurde – jedes Mal gingen die Worte mit einem dezent süffisanten, leicht überheblichen, etwas gönnerhaftem Unterton einher. Selbstverständlich kann nur jemand diese Weisheit aussprechen, der bereits etwas zeitlichen Vorsprung im Elterndasein hat – logisch. Und jedes Mal, wenn ich diese Phrase hören musste, musste ich die Zähne fest aufeinander beißen, bewusst und tief durch die Nase ein- und ausatmen und am besten die Faust in der Jackentasche ballen. Denn für mich klingt er so pseudoillusionsräuberisch á la „Ja, ihr naiven Neu-Eltern, euch wird auch noch das Hoffen vergehen!“. Das ist selbstverständlich lediglich meine Interpretation.

Inflationärer Gebrauch einer Binsenweisheit

Aaaaber: Nach 13 Monaten mit den Zwillbos fürchte ich, diese Worte tatsächlich als Binsenweisheit enttarnen zu müssen. Doch warum, werden sie so inflationär gebraucht? Meine Theorie: Diese Phrase dient lediglich dazu, noch nicht all zu diensterfahrene Mütter und Väter zu verunsichern – als wäre das soeben erst begonnene Leben mit einem oft brüllenden, mageninhalteausspuckenden, die Nacht zum Tag machenden neuen kleinen Verwandten nicht verunsichernd genug! Denn trotz aller Phasen, Updates, Augenringe, Heulattacken auf beiden Seiten, Zweifel, Anstrengungen, Koffeinüberdosen und durchwachter Nächte habe ich gute Neuigkeiten: ES WIRD BESSER! ES WIRD LEICHTER!

Möglichweise bin ich zu diesem Standpunkt gelangt, weil die Zwillbos niemals entspannte, zufriedene Rumliegebabys waren. Sie haben entspannt und zufrieden rumgelegen. Auf ihren Eltern. Und nicht selten erst nach andauerndem, gleichmäßigem Schuckeln. Sie haben also nicht stundenlang ihren Schlaf im Stubenwagen, Bett oder auf einer Decke gehalten und auch die kontemplative Betrachtung eines Mobilés, wie ich sie von meinerzweitjüngsten Nichte kenne, ist ihnen völlig abgegangen. Ich habe mit der Zeit gelernt, dass das durchaus eher die Normalität im Zusammenleben mit Babys denn die Ausnahme ist, meine pre-elterliche Erwartung war allerdings eine andere. Kurzum, ich kam zu nix, außer zum Mamasein, was aber auch nicht immer die Antwort auf alle Bedürfnisse ist. Zumindest nicht auf meine.

Sitzende Zwillbos sind [meist] zufriedene Zwillbos.


Doch die Zwillbos wurden eigenständiger und damit zufriedener. Meiner Erinnerung nach – wir alle wissen, dass das Erinnerungsvermögen ein hinterhältiger Betrüger ist – ging es steil bergauf, als die kleinen Herrschaften in der Lage waren, sich eigenständig aufzusetzen. Da waren sie etwa zehn Monate alt. Dazu muss ich sagen, dass wir die Beiden nie einfach nur so hingesetzt haben. Uns war wichtig, dass sie wirklich erst in der Gegend herumsitzen, wenn sie es auch tatsächlich alleine können. So viel Geduld mich das auch gekostet hat – ich bin der Überzeugung, dass es vom physioligischen Standpunkt aus die einzig richtige Entscheidung ist, dass es für den Körperbau und die körperlichen Fähigkeiten der Kinder so am besten ist. So halten wir es im Übrigen auch mit dem Laufen und Hinstellen – mal ganz davon abgesehen, dass wir es als Zwillingseltern gar nicht leisten können, den halben Tag gebückt mit zwei Kinder an den Händen durch die Gegend zu humpeln oder zwei Zwerge zu beaufsichtigen, die zwar einigermaßen sitzen können, beim kleinsten Luftzug allerdings umkippen.

Sie konnten zwar bereits etwas früher auf dem Bauch durch die Gegend rutschen, doch die neue Mobilität war nicht so ein Stimmungsaufheller wie das Sitzen. Ich kann das gut nachvollziehen. Robben finde ich persönlich ungemein anstrengend, es sei denn, man ist Elitesoldat und übt das täglich. Außerdem bekommt man doch auf Dauer Genickstarre, wenn man aus dieser Position nach oben in die Erwachsenenwelt gucken möchte. Sitzen hat es also schon mal wesentlich einfacher gemacht. Im Sitzen spielt es sich besser, ein sitzendes Kind lässt sich besser auf den Arm nehmen – zwei sitzende Kinder erst recht – und wesentlich besser..na, eben absetzen. Vor allem fand ich den Alltag mit zwei sitzendem Babys wesentlich leichter.

Wer stehen kann, sieht mehr vom Leben.


Mittlerweile krabbeln beide Zwillbos, wandern fleißig die Möbel und Wände in unserer Wohnung ab und klettern auf alles, was auch nur irgendwie für sie erreichbar ist. Mads wird vermutlich in nicht all zu ferner Zukunft seine ersten freien Schritte tun. Als unser Sofa noch vor dem Fenster stand, habe ich den Aufenthalt der Kinder im Wohnzimmer schon als anstrengend empfunden. Schließlich haben die Jungs schnell erkannt: Wer auf das Sofa kommt, kommt auch irgendwie auf die Fensterbank. Und wer auf der Fensterbank steht, kann sich dort hervorragend mit seinem Bruder darum prügeln, wer am Fenstergriff rütteln darf (noch setzen sie diesen nicht in Bewegung, aber abschließbare Riegel stehen bereits auf unserer Liste). Das war mir dann doch ein wenig zu waghalsig. Also war das Wohnzimmer eine Zeit lang Sperrzone. Zumindest durften die Zwillbos keinsten Falls alleine dort krabbeln.

Unterdessen hat das Sofa einen anderen Stellplatz gefunden, aber wegen der Absturzgefahr vom Ruhemöbel ist dennoch in der Regel das Gitter vor dem Wohnzimmer zu, damit dort keine unbeaufsichtigten Höhenflüge erfolgen können. Aber in unserer großen Diele, der Küche und dem Kinderzimmer herrscht weitestgehend Gefahrenfreiheit. Und mittlerweile auch Möblefreiheit. Viel Klimbim hatten wir eh nie herum stehen, unterdessen ist es noch weniger geworden. Das macht uns allen das Leben hier leichter. Ich brauche einfach Räume, in denen ich die beiden Weltenerkunder auch mal einen Moment aus den Augen lassen kann. Es gibt auch so noch genug Möglichkeiten, zu verunfallen. Erst recht, wenn man ein Rabauken-Gespann ist, das sich gerne auf der Altpapierkiste sitzend um ein Auto streitet oder lustig in den Knien federnd auf dem Schaukelstuhl steht. Weil Mobilität meine Jungs also insgesamt zufriedener gemacht hat, empfinde ich sie als Erleichterung und nicht als eine andersgeartete Belastung.

Kein Bedürfnisaufschub

Als die Zwillbos klitzekleine Zwuckelmänner waren, war es dem Mann und mir wichtig, dass sie sich nicht in Frustrationstoleranz hohen Ausmaßes üben mussten. Wir wollten nicht, dass sie brüllen müssen, dass ihnen Nähe fehlt oder sie sonst irgendetwas Unangenehmes, Umgängliches aushalten müssen. Nun sind sie keine klitzekleinen Zwuckelmänner mehr, sondern stattliche Einjährige. Natürlich haben sie immer noch keine Worte, um ihre Bedürfnisse oder Sorgen auszudrücken. Aber ob man es glaubt oder nicht, ihr stimmliches Ausdrucksvermögen ist wesentlich differenzierter geworden. Es gibt nicht mehr länger nur ein, zwei, drei verschiedene Arten von Brüllen in bis nach oben hin offener Lautstärke. Es gibt Nörgeln, Motzen, Beschweren, stimmliche Erprobungen, echten Kummer, Schmerz, Freude und so weiter. Wir können hundertprozentig innerhalb von Sekundenbruchteilen erfassen, was gerade von Nöten ist. Zumindest kommt es mir gerade so vor.

Wir wissen, ob die Herrschaften noch einen Augenblick inmitten ihrer Spielzeuge ausharren können, bis das Essen fertig ist, oder ob da jemand jetzt sofort mal dringend auf den Arm genommen werden muss. Und die Zwillbos sind von Geduld und Verständnis geprägte kleine Musterknaben. Ok, das ist eine dicke Lüge. Aber sie verstehen schon einiges mehr als die kleinen Säuglinge, die sie mal waren. Wir kennen einander, vertrauen einander und wursteln und so durch. Das schweißt zusammen. Und wenn man zusammengeschweißt ist und einander ziemlich gut kennt, dann ist das selbstverständlich anders als zuvor, aber meiner Meinung nach auch durchaus besser und leichter. Zudem kommen die Kinder jetzt zu mir und holen sich die Nähe, die sie brauchen – oder winden sich und krabbeln weg, wenn ihnen die mütterliche Liebe zu aufdringlich wird.

Es soll sogar durchschlafende Einjährige geben

Meine Ausführungen ließen sich noch lange fortsetzen. Zwar schlafen die Kinder selten mal gleichzeitig in der selben Nacht durch, aber es soll Einjährige geben, die das können und tun – auch unter Zwillingen. Herzlichen Glückwunsch, ich beneide Sie! Von ganzem Herzen. Aber auch unsere Nachtschwärmer schaffen das dann und wann. Wenn nicht irgendwelche Zipperlein stören, schlafen sie zumindest in der Regel einige Stunden am Stück, in denen es auch uns vergönnt ist, unsere desolaten Akkus wieder ein bisschen aus dem roten Bereich zu bringen. Im Vergleich zu durchzechten Stillnächten finde ich das viel besser und leichter.

Das einzige, was nicht leichter wird, sind die Zwillbos selbst. Aber ich schätze, da sind sich alle Eltern einig: Das ist durchaus gewünscht. Also, liebe Miteltern, natürlich müsst ihr euch euer eigenes Bild machen. Aber wenn ihr in einiger Zeit zurückschaut und ehrlich zu euch selbst seid, werdet ihr vielleicht feststellen, dass es doch irgendwie leichter wird. Wenn man sich darauf einlässt. Ich vermute allerdings, dass uns spätestens die Pubertät wieder um Lichtjahre zurückwerfen wird.

Schleppen für Fortgeschrittene: Vom Dachgeschoss bis auf die Straße

Als die Zwillbos in Sachen Motorik noch nicht wesentlich mehr Pfeile im Köcher hatten als etwas hakelig nach einem O-Ball oder einer Rassel zu greifen, war es relativ simpel, die Herrschaften aus unserer Wohnung im zweiten Stock in den Kinderwagen und damit vor die Haustür zu bugsieren: Sie lagen muckelig warm eingepackt in ihren Wannen. Zwar haben sie [es war Winter, überwiegend] alles zusammengebrüllt, wenn ich sie in ihre niedlichen kleinen Schneeanzüge gewurstelt habe, doch meist war schon Ruhe, wenn sie auf ihre Lammfelle gebettet waren, spätestens aber, wenn es die Treppe runter ging und sie hübsch geschaukelt wurden.*

Wenn ich alleine mit den Kindern war, hab ich erst Wanne Nr. 1 bis zu den Nachbarn in der Mitte vor die Tür geschleppt. Dann bin ich hoch gesprintet, um Wanne Nr. 2 zu holen, und schließlich die Prozedur zu wiederholen bis wir vollzählig unten waren. Dort hab ich den Wagen aus der Ecke gepuhlt, die letzten Stufen bis vor die Haustür herunter geruckelt, dann hab ich die Jungs aus dem Flur geholt und los ging es. Die Jacke musste ich mir während dieser Zeit frühestens draußen anziehen, schließlich wurde mir bei dieser leiblichen Ertüchtigung warm genug. 

Zahllose Blutergüsse

Wenn ich mit den Kindern allein zum Auto musste, hab ich es genauso gemacht, allerdings dann von der Haustür an beide Babyschalen gleichzeitig geschleppt. Da der Mann lange Elternzeit hatte, war das zum Glück nicht permanent der Fall – aber es war machbar. Allerdings zierten während dieser zahllose Blutergüsse in allen Farben des Regenbogens meine Beine, denn jeder, der schon einmal Babys in diesen Sitzen transportieren musste, weiß: Sie sind alles andere als handlich. Die Sitze. Aber Babys finde ich auch nicht immer handlich.

Um Ostern herum haben wir dann den Kinderwagen umgerüstet. Wir hatten die Befürchtung, die Zwillbos würden vielleicht aufhören zu wachsen, wenn wir sie weiterhin in ihre Wannen pressen, also wurde es Zeit für die Sportsitze. Zudem sahen wir den Moment gekommen, den beiden mehr von der Welt zu zeigen als ihr Kinderwagenverdeck. Wir haben den Umbau vor uns her geschoben, weil mit Schwinden der Kinderwagenwannen auch unsere Möglichkeit, zwei Babys herunter zu tragen UND irgendwo abstellen zu können, hinfort war. Denn zu diesem Zeitpunkt waren die Zwillbos ohne weitere Features nicht abstellbar, sie konnten ja noch nicht sitzen oder ähnliches. Und hätten sie es gekonnt, so hätte vermutlich nicht der eine brav auf dem mittleren Treppenabsatz gewartet, bis Mutti den Bruder aus der Wohnung geholt hat, sondern hätte sich bereits schon mal in Eigenregie die Stufen hinunter gestürzt. 

Ein neues System muss her 

Wir brauchten also, wie schon so oft, ein neues System. Irgendwie hat sich zunächst die Babyschalenschlepperei bei uns durchgesetzt: beide Kinder oben hineinsetzen, anschnallen und nach und nach runter tragen [oder zu zweit oder, im Fall des Mannes, beide gleichzeitig]. Natürlich ist das umständlich, aber vermutlich sind zwei Babys immer umständlich in der Handhabe. Unten im Treppenhaus haben wir dann für die Zeit des Spaziergangs die Babyschalen geparkt. Aus feuerpolizeilicher Sicht ist das sicherlich eine Katastrophe, aber das unsere Kinderwagenparade dort eh [Brandschutzbeauftragte mögen sich per Email an mich wenden]. 

Mir wurden die Jungs im Laufe der Zeit dann wirklich zu schwer in den Kiepen. Und weil sich mit einem Kind in der Trage vor dem Bauch ab einer gewissen Größe mangels Armfreiheit seitens der Mutter auch kein Zweites mehr tragen, geschweige denn ins Auto oder den Kinderwagen setzen lässt, habe ich angefangen zu üben, mir einen Zwillbo auf den Rücken zu schnallen. Das fanden alle Beteiligten anfangs ziemliche abenteuerlich, allerdings hatten wir schnell den Bogen raus. Die Zwillbos sind äußerst trageerprobt und finden es zudem brüllend komisch, auf dem Rücken ihrer Mutter zu sitzen und selbiger am Zopf zu ziehen.

Offenbar finden dennoch viele Menschen, dass es brandgefährlich aussieht, wenn ich mir ein Kind auf den Rücken „werfe“. Denn im Prinzip kommt jedes Mal ein gerne weiblicher, älterer Passant herbeigeeilt, wenn ich eines der Kinder in der Öffentlichkeit in die Rückentrage setze. Manche Menschen wechseln dafür sogar die Straßenseite und rufen schon von weitem: „Soll ich Ihnen helfen?! Nicht, dass das Kind da runter fällt!!!!“ Das ist sehr nett. Aber zumindest für mich gilt, dass ich solche Aktionen nicht vollführen würde, wenn das Kind Gefahr liefe „da runter“ zu fallen. Schon gar nicht auf offener Straße. Aber das nur so nebenbei bemerkt. 

Altbau – schön, aber umständlich

Ist also der erste Sohn fachgerecht in der Manduca oder Bondolino verstaut, bleiben noch ein Arm für das zweite Kind und ein weiterer für die Wickeltasche. Wir leben in einem Altbau. Das Erdgeschoss befindet sich gewissermaßen im Hochparterre, so dass man von dort aus – wo der Kinderwagen parkt – noch einmal einige Stufen bewältigen muss. Meistens setze ich noch im Hausflur den ersten Zwillbo in den Wagen und ruckele selbigen nebst Passagier treppauf treppab ins Freie. Dort wird dann der zweite Zwillbo aus der Trage in seinen Sitz verfrachtet. 

Bin ich alleine im den Jungs zum und mit dem Auto unterwegs, setze ich in der Regel das Kind, das ich auf dem Arm getragen habe, in den Fußraum und schnalle dann den Rückentragling ab und im Kindersitz fest. Da wir nämlich leider weder über einen Omnibus noch über eine Großraumlimousine verfügen, liefe das Huckepack-Kind ansonsten Gefahr, beim Anschnallen des Bruders mit der Rübe vorm Autotürrahmen zu landen. 

Wenn wir vom Spaziergang nach Hause kommen und nicht den totalen Zeitdruck haben, dürfen die Zwillbos alleine die Treppe hinauf krabbeln. Zugegeben: Man muss dafür schon ein wenig Zeit und Geduld mitbringen, denn unterwegs gibt es viel zu entdecken, formidable Turnmöglichkeiten und allerhand Gelegenheiten, den Bruder zu ärgern. 

Im Moment funktionieren die genannten Transfermittel für uns ganz gut. Doch ich bin sicher, wenn die Zwillbos den aufrechten Gang für sich entdecken, muss ein neues System her. 

…Und wenn man mal etwas oben in der Wohnung vergisst? Um es mit den Worten meines Schwiegerpapas zu sagen: „Man vergisst am besten nicht zu oft etwas.“

*Ausnahmen bestätigen die Regel und ich möchte auch nicht ausschließen, dass mir mein Gehirn einen Streich spielt und die Vergangenheit beschönigt, damit ich unbedingt noch einmal Zwillinge bekommen möchte.

„Zwillinge? Wie schafft man das eigentlich?!“

Eine Antwort vorweg: Ich weiß es eigentlich selbst nicht genau. Aber plötzlich ist zwischen Windeln wechseln, stillen, füttern, verliebt und verzweifelt sein, mit anderen Eltern lachen und klagen das erste Zwillbo-Lebensjahr vorüber. So sehr unser Alltag auch immer wieder auf dem Kopf steht, ich denke, eines kann dem Zwillbo-Papa und mir niemand mehr nehmen: Das Gefühl, irgendwie ein riesiges Stück im Zwillingselterndasein angekommen zu sein.

Wir passen beim Wickeln auf wie die Luchse, damit der zweite Halunke die randvolle Windel nicht noch unter unabgewischten dem Hintern des Bruders wegmopst. Auf dem Spielplatz, in der Wohnung, wo auch immer können wir mit zwei kurzen Blicken binnen Sekunden abschätzen und entscheiden, welches Kind sich jetzt gerade in die fatalere Situation gebracht hat und dringender vor einem gesundheitsbedrohlichen Absturz bewahrt muss. Ebenso sehen wir sofort, wessen Tränen zuerst getrocknet werden müssen, und wir wissen, wie man im Zweifelsfall auch tandem tröstet. Wir wissen, dass zwei Kleinkinder beim Füttern eine unfassbare Dezibelzahl erreichen können – sowohl durch Freuden- als auch durch Protestgeschrei. Oder eine Mischung aus beidem. 

Es geht drunter und drüber. Aber es geht.


Ganz sicher werden uns Kita- und Schuljahre, Trotzphasen und Pubertät immer wieder Tage bescheren, an denen wir uns fragen werden, wer zum Kuckuck uns hoffnungslosen Dilettanten zwei Kinder auf einmal anvertrauen konnte. Dennoch erreicht man im Laufe der ersten zwölf Monate immer wieder gewisse Plateaus, auf denen zwar jedes Körperteil schmerzt vor Anstrengung, an denen neu über den gesetzlich erlaubten Koffeingehalt von Kaffeebohnen und explizite Menschenrechte für Eltern diskutiert werden müsste, die einem aber dennoch Atempausen verschaffen – und nicht nur die. Sie erlauben uns zwischen den nächsten Zahnungs- oder Erkältungsdramen Momente, in denen wir voller Stolz und Verwunderung auf unser neues Leben blicken und uns gut darin fühlen. Wir spüren, dass wir gut darin sind, Zwillbo-Eltern zu sein. Mal besser, mal schlechter, aber immer so gut wie es uns möglich ist und das ist sicherlich ausreichend gut. 

Mantra einer Zwillingsmama 

Dieser Tage denke ich oft an einen Satz, den mir in der Schwangerschaft eine wirklich elternlebenserprobte Zwillingsmama mit auf den Weg gab. Ich muss daran denken, weil ich mich als Doppelkinder-Mama oft angekommen fühle und wir unseren Alltag bewältigen, und weil mir über den Blog und diverse Social-Media-Kanäle viele werdende Zwillingseltern schreiben. Mir schreiben Frauen und Männer, die sich genau wie ich vor mehr als einem Jahr zwar auf ihre Kinder freuen, die – um sehr treffend eine Freundin von uns zu zitieren – aber gleichzeitig das Gefühl haben, auf einen Wasserfall zu zu schwimmen. Und mal ganz ehrlich? Wer hätte das angesichts des Lebens mit zwei nagelneuen Säuglingen nicht? Schließlich sind unser aller Ressourcen und Arme begrenzt. 

Der Satz, den die fabelhafte Kerstin von Chaoshoch2 mir schrieb, lautete: 

„Zwillinge suchen sich ihre Eltern mit Bedacht aus.“

Und ich habe mich während der gesamten Schwangerschaft und des ersten Lebensjahres der Zwillbos daran geklammert und ihn mir wie ein Mantra immer wieder aufgesagt. Ich habe mir keinen Zweifel daran gestattet, sondern mir befohlen trotz innerlich nahezu permanent schlackernder Knie darauf zu vertrauen. Und nun, viele, viele Monate später kann ich immer mehr nachempfinden, was Zwillingseltern meinen, wenn sie sagen „das rockt!“ oder „es ist ein Privileg“. 

Es lässt das vom Leben übrig, was man braucht

Ja, es ist viel, es ist krass, es wird einem den Boden unter den Füßen wegziehen (und gegen einen Spieleteppich austauschen), es wird alle Karten neu mischen, einem das Herz auf links drehen und wieder zurück. Es wird einen an die eigenen Grenzen bringen und darüber hinauswachsen lassen. Liebe zukünftigen Zwillingseltern: Es wird euch schütteln und rühren und genau das vom Leben übrig lassen, was ihr braucht. Mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger. Aber es wird gut werden. Mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger. Dann kommen die Tage, an denen ihr staunend vor diesen Kindern sitzt, an denen ihr sie und euch selbst bewundert. Zu Recht. Und schon am nächsten Morgen werdet ihr nach einer gruseligen Nacht um euer altes Leben weinen. 

Das Leben mit Zwillingen fetzt. Tatsächlich.


Ich kann nur empfehlen, sich dann und wann die guten Momente zu notieren. Wenn die Kinder es zulassen, ruhig tagtäglich, eine kleine Notiz ins Handy mit dem, worauf man an dem Tag stolz sein kann, mit dem, was sich gut und richtig angefühlt hat – und wenn es nur bedeutet, dass man nicht den Verstand verloren hat. In Situation, in denen man dann den Verstand zu verlieren droht, kramt man schnell die Erinnerung an gute Kinderzeiten hervor. Nicht um sich selbst mit pseudopositivem Denken zu manipulieren, sondern einfach, um sich ins Gedächtnis zu rufen, dass es auch schon mal gut lief und dass diese Tage wiederkommen. Mir jedenfalls hilft das enorm, harte Phasen durchzustehen. 

Fast noch überlebensnotwendiger sind andere Betroffene. Eltern gleichaltriger Kinder – am besten andere Zwillingseltern. In unserem Fall kann ich glücklicherweise sagen, die finden sich irgendwie. Bei der Rückbildungsgymnastik oder sie laufen euch tatsächlich einfach schnurstracks über den Weg. Dann tut ihr gut daran, sie mit eurer Telefonnummer zu belästigen und euch zu verbünden. Ansonsten vermitteln zuweilen Jugendämter, Hebammenpraxen oder Mütterzentrum Kontakte zu anderen Zwillingseltern. Zudem existieren Facebookgruppen – die man allerdings mögen muss. Ich persönlich habe während der Schwangerschaft viele andere werdende Zwillingsmütter bei Instagram kennengelernt. Unsere Whatsapp-Gruppe war insbesondere in den ersten Lebensmonaten der Kinder unglaublich hilfreich, einfach nur, um immer wieder lesen zu können, dass es anderen genauso geht.

Kerstin hat übrigens vor einiger Zeit einen sehr ermutigenden Text für werdende Zwillingsmütter geschrieben. Ihr findet ihn hier.

Größere Augenränder, kleinerer Freundeskreis

Vieles hat sich seit Geburt der Zwillbos vor einem Jahr geändert. Die messbare Tiefe meiner Falten, der Radius meiner Augenringe, die Anzahl der Küsse, die ich tagtäglich verteile, um nur einige Beispiele zu nennen. Eine der tiefgreifendsten Veränderungen hat sich jedoch in dem sozialen Gefüge vollzogen, in das wir eingebunden sind. 

Irgendwie sind langjährige Freunde in der Versenkung verschwunden, noch bevor ich überhaupt das Vergnügen hatte, ihnen Optik und Konsistenz der Ausscheidungen meiner Kinder zu erläutern. Und über Stillprobleme, Bäuerchen und Zäpfchen gegen Koliken konnte ich auch nicht ausschweifen. Darum fühle ich mich ein wenig betrogen, ich hätte diese Menschen schon gerne verdient und höchst persönlich vergrault. Oder ich hätte einen der Zwillbos mal auf exklusives Kleidungsstück spucken lassen. Aber so?! 

Grund für Freundesschwund unbekannt

Vielleicht befürchtete der eine oder andere stundenlange Referate aus oben angeführten Themenkreisen. Oder aber man bangte, selbst einmal eine Nachtwache übernehmen zu müssen. Ehrlich gesagt, kenne ich den oder die Gründe für den eklatanten Freundes- und Bekanntenschwund nicht. 

Ich hatte immer viele nähere und fernere Menschen um mich herum. Ein gewisser harter Kern ist geblieben. Selbstverständlich sehen wir uns in anderen Intervallen, zu anderen Uhrzeiten und untermalt von einem vollkommen anderen Geräuschpegel – obwohl die Zwillbos einem gutbesuchtem Rockfestival durchaus gleichkommen. Aber wir sehen uns, und dafür bin ich sehr dankbar. Denn ich weiß, dass es anders ist als früher. Dass es viel um die Jungs geht. Dass wir weniger flexibel sind. Dass ich weniger gut zuhöre, weniger konzentriert bin und manchmal weniger nachfrage. Doch ist es für diesen harten Kern offenbar in Ordnung. 

Freunde sind wie Sterne, manche verglühen (Bild via Pinterest).


Andere sind irgendwie einfach von unserem Horizont gestürzt, schöne Freundschaftssterne, die unerwartet im sozialen All verglühten. Doch sind auch noch nie zuvor so viele neue Freundschaftsplaneten in unsere Umlaufbahn getreten wie seit der Geburt der Kinder. Menschen, die hilfsbereit, ermutigend, loyal und zuverlässig sind, wie man es selten zuvor erlebt hat. Das lässt uns staunen und ebenso dankbar sein. 

Digitale Freundschaften sind möglich
Da sind auf einmal Menschen um einen herum, die man kaum ein paar Monate kennt. Und dennoch löst man die Treffen mit ihnen eigentlich nur auf, weil man irgendeine Breispeise zubereiten und füttern muss oder weil man – aus Erfahrung vernünftig geworden – an pünktlichen Schlafenszeiten festhalten möchte. Zudem gibt es – Blog sei Dank! – auch Menschen in meinem Leben, die mehr oder weniger nur schriftlich kenne. Aus ausgetauschten Mails, Whatsapp-Nachrichten und -Bildern oder sozialen Netzwerken wie Instagram. Auch das hätte ich niemals zuvor für möglich gehalten! Es gibt digitale Freundschaften, ohne die ich vermutlich die ersten Monate des Mutterseins nicht ohne diverse Adoptionsanträge überstanden hätte. Auch haben sich bestehende Freundschaften intensiviert und die Beziehung zu meiner Familie ist jetzt noch von viel mehr Herzensnähe gespeist. 

Natürlich bin ich traurig über verlorene Freunde. Das tut mir manchmal weh, piekst gelegentlich meine Seele und meinen Stolz. Doch das, was seit der Schwangerschaft und der Geburt der Zwillbos erblüht, wiegt vieles davon auf. 

Ich bin noch ich, mit meinem alten Leben, an das ordentlich angebaut wurde. Und um neue Räume zu schaffen, müssen wohl manchmal alte Wände einstürzen. Weil ich mir jetzt aber selbst gerade zu metaphorisch werde, sage ich einfach „Danke“! Danke, meine Söhne, dass ihr unser Leben so sehr schüttelt, dass ihr alte Strukturen aufbrecht und auch uns ein ganz neues Leben schenkt. 

Und auch Danke an so viele gute Menschen in unserem Leben!

Wie ich das Wimpern Tuschen zur olympischen Disziplin erhob

Wenn ich heute darüber nachdenke, mit welcher Hingabe ich mir früher im Badezimmer die Wimpern getuscht habe, kann ich nur den Kopf schütteln. Oder Tränen lachen. Denn oft würde mir dann mangels Mascara nicht einmal die selbige verlaufen. An manchen Tagen ist mir der bunte Reigen nämlich schlichtweg zu anstrengend. 

Früher habe ich mir die Wimpern getuscht. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Manchmal habe ich – ja, wirklich – die Wimperntusche sogar wieder entfernt, wenn mir das Resultat nicht gefallen hat, und neu getuscht. Hahahaha, die Zwillingsmutter in mir haut sich unter schallendem Gelächter, das ins Hysterische changiert, aufs Knie. Heute gehe ich oft mit Gefolge ins Badezimmer. 

Das Bad ist ein magischer Ort

Theoretisch könnten die Zwillbos einfach in der angrenzenden Diele oder Küche weiterspielen, ich hätte sie zumindest akustisch unter Aufsicht. Aber das Badezimmer ist in dieser Wohnung offenbar ein magischer Ort. Dort stehen spannende Gerätschaften wie Waschmaschine und Trockner. Dort befindet sich die abgöttisch geliebte Badewanne. Dort kann man – wenn die Mutter nicht schnell genug interveniert – kilometerweise Toilettenpapier abrollen und verzehren, Damenhygieneartikel in die Wäschetrommel werfen oder die Bodendurchlüftung der einzig verbliebenen Grünpflanze im Haus (neben einem Kaktus und irgendetwas Unkaputtbarem im Flur) manuell fördern. 

Herzlich Willkommen im Kinderparadies!

Die Klobürste wurde bereits in Gefilde verbannt, die höher liegen als Zwillbo-Arme lang sind, und der Kosmetikeimer so vom Wäschekorb zugeparkt, dass ein unerwünschtes Nachsortieren des Abfalls durch Kinderhände nahezu ausgeschlossen werden kann. Gegen unsere Nasszelle – denn viel mehr gibt das Bad quadratmetermäßig nicht her – ist das Phantasialand wohl ein ödes Tal der Tränen, ein Ort des Kummers und der Langeweile. 

Kurzum: Sobald sich die Badezimmertür öffnet stürzen die Halblinge aus den entlegensten Winkeln der Wohnung herbei. Schließt sich die Tür vor ihren Augen wieder und bleiben sie davor zurück, bricht augenblicklich ein tränen- und gebrüllreiches Drama herein. Wenn also ein Elternteil mal eben allein zur Toilette verschwinden möchte und die Kinder bekommen Wind davon, ist hier mächtig was los. 

Badezimmer-Begleitung

Wenn ich also allein über die Brut wache und mir vor dem Verlassen des Hauses noch ein Gesicht malen möchte, tue ich das also in Begleitung der Kinder. Ich denke ernsthaft darüber nach, das Schauspiel einmal zu filmen und es beim Internationalen Olympischen Komitee einzureichen, auf dass das Schminken im Beisein von Kleinkindern alsbald Teil des Wettbewerbs zu werden vermag. 

Ich zücke also das Mascara-Bürstchen und fange an zu tuschen. Ich werfe schnell einen Blick über die rechte Schulter und sehe, dass Pepe beginnt, Bausteine in der Waschmaschine zu platzieren. Ich mache mir rasch einen mentalen Vermerk, vorm nächsten Waschgang die Trommel zu inspizieren. Beim Blick über die linke Schulter sehe ich, dass Mads beginnt, sich durchs Erdreich der Palme zu wühlen. Ich sage ihm, dass das nicht in Ordnung ist. Mads grinst und gräbt weiter. Ich lege die Tusche zur Seite, setze den Aggressor ein Stück vom Blumentopf entfernt auf die Erde und drücke ihm einen ausrangierten Schminkpinsel in die Hand. 

Ich beginne den Tuschvorgang erneut. Pepe kommt von rechts, offenbar findet er Gefallen an der Puderquaste und greift beherzt zu. Ich nehme an, Höflichkeit ist ein Feature, das Kinder erst bei einem sehr, sehr späten Update speichern. Mads hält den Pinsel fest als hinge sein Leben daran. Pepe hat zwar etwas mehr Kraft, dafür aber weniger Körperkontrolle als sein Zwilling. Das Zankobjekt flutscht seinem Bruder durch die Finger, Pepe verliert das Gleichgewicht und donnert mit dem Hinterkopf auf den Badezimmerboden. 

Atmen nicht vergessen

Beide Kinder brüllen. Ich lasse die Wimperntusche fallen und tröste. Pepe darf jetzt mit der Haarbürste spielen, Mads bekommt den Schminkpinsel zurück. Ich tusche noch mal kurz nach, versuche mich daran zu erinnern regelmäßig ein- und auszuatmen und werfe einen Blick auf meine Nachkommen, ob heute weitere Make-up-Optionen bestehen. Unterdessen stehen beide Kinder vor der Badewanne und haben begonnen, alles hinein zu werfen, was nicht niet- und nagelfest ist. Soll mir recht sein. 

Ich beginne, meine Augenbrauen nachzuziehen, und mache mir eine weitere gedankliche Notiz, sie demnächst mal wieder färben zu lassen, damit ich mir das schon mal sparen kann. Hinter meinem Rücken ist es verdächtig ruhig. Ich sehe, dass sich Pepe in die Lücke zwischen Waschbeckenunterschrank und Wanne zwängt und nach der Flasche mit dem Badreiniger angelt. Mist, ich dachte, der steht dort noch sicher. Mads beginnt indes, sich zum Toilettenpapierhalter durchzukämpfen. 

Ich habe die Kontrolle über unser Badezimmer verloren.

Ich wäge schnell ab, wen ich zuerst ausschalten muss. Pepe nimmt mir die Entscheidung ab, indem er losbrüllt. Ärgerlicherweise steckt er zwischen Schrank und Badewanne fest. Ich befreie den Langfinger, setze ihn vor die Waschmaschine und schnappe mir seinen Bruder, der gerade kopfüber in den Wäschekorb stürzt, der Toilettenpapier und Kosmetikeimer abriegelt. Mit dem Kind auf dem Arm werfe ich einen Blick in den Spiegel und mache mir die mentale Notiz, noch die Mascara-Reste um meine Augen herum zu entfernen, bevor ich das Haus verlasse. 

Tempo ist von Nöten

Ich setze Mads unter lautem Protest in der Diele ab und sprinte zu seinem Zwillingsbruder hinüber. Tempo ist von Nöten, da das abgesetzte Kind bereits wieder mit Vollgas auf die Badezimmertür zukrabbelt. Ich nehme Pepe hoch und stelle mich Mads in den Weg, der in dieser Sekunde den Türrahmen erreichte. Ich versuche, ihn mit sanfter Gewalt zurück in die Diele zu schieben und die Badezimmertür hinter mir zu zu ziehen, ohne ihm die Finger einzuklemmen. Pepe findet das so lange amüsant, bis ich ihn absetzt, seinen Bruder von der Tür entferne und selbige schließe. Immerhin brüllen jetzt beide Kinder und ich kann das Fass endgültig voll machen, indem ich sie noch einmal wickele. 

Gut 20 Minuten später rinnt mir der Schweiß den Rücken herunter, aber wir drei stehen halbwegs vorzeigbar unten vor der Haustür. Ich mache schnell noch ein Selfie, damit der Zwillbo-Papa unterwegs auch sehen kann, wie gut ich unser Leben im Griff habe. Als ich sehe, dass ich mit der überschüssigen Wimperntusche um meine Augen herum aussehe wie ein Waschbär, entscheide ich mich dagegen, das Bild abzuschicken. Stattdessen setze ich eine Sonnenbrille auf und schiebe los.

Zwei mal zwölf macht eins

Die Zwillbos feiern bald ersten Geburtstag. Und ich muss mich an dieser Stelle einer obligatorischen Phrase bedienen: Ich kann es kaum glauben! Ebenso wie ich mir vor ihrer Geburt in dem Hobbitkrankenhaus nicht vorstellen konnte, bald zwei Kinder auf einen Streich zu haben. Es ist nicht so, als ob es mir schon völlig selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen wäre, dass ich jetzt Mutter von zwei kleinen Jungs bin. Möglicherweise hat sich diese Vorstellung bis zu ihrer Einschulung im entsprechenden Teil meines Gehirns verankert. Vielleicht dauert es aber auch noch bis zu ihrer Führerscheinprüfung. 

Zumeist lässt unser Alltag gar nicht all zu viel Zeit darüber nachzudenken, dass ich jetzt Kinder habe. Generell lässt unser Alltag nicht viel Zeit, über irgendetwas nachzudenken, geschweige denn, Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt zu bilden und zu Ende zu sprechen. Doch hin und wieder sitze ich hier [ja, ich sitze], sehe den Zwillbo-Papa mit den Halblingen toben, und dann sage ich ungläubig zu ihm: „Guck mal, wir haben zwei! Zwei Kinder! Guck mal da! Da vorne! Zwillinge!!!“ Wir haben doch neulich noch unsere Freizeit bevorzugt damit verbracht, exzessiv und stundenlang Serien anzuschauen [ja, genau diese Art von Menschen waren wir!]. Heute weiß ich kaum mehr, wie man die Fernbedienung korrekt verwendet. 

Neulich waren sie noch hutzelig klein…


Dafür weiß ich, wie man Breispeisen jedweder Art zubereitet, dass Babys keineswegs schlafen wie das Baby des Volksmunds, ich weiß, dass es immer noch etwas schlimmer kommen kann als man es sich vorstellt, dass das Elterndasein aus der Windel- und Milchpulverwerbung die dickste Lüge seit der Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher ist, und das vor Spucke tropfende Küsse sehr wohl glücklich machen können. Ziemlich glücklich.
Es gab im vergangenen Jahr viele Momente, in denen ich Kommentare wie „Oh Zwillinge – doppeltes Glück!“ gerne mit einer Ohrfeige beantwortet hätte. Mit einer doppelten. Gleichwohl ich bei Bemerkungen à la „Zwillinge? Ich hätte mich erschossen!“ auch gerne geschossen hätte. Resümierend lässt sich vermerken, dass sich der Mensch im Allgemeinen rasch dazu berufen fühlt, seinen geistigen Senf beizusteuern – vorzugsweise ungefragt. Da spielt es keine allzu große Rolle, ob man einen Zwillingsbauch oder einen Zwillingskinderwagen vor sich herschiebt. 

Diesen Sommer hätte ich gerne 2015 gehabt

An dieser Stelle frage ich mich übrigens, warum der Sommer 2016 sich nicht mit dem des vergangenen Jahres messen möchte. Hohe Außentemperaturen sind bei Gemini ex uterus wesentlich besser zu ertragen. Doch statt dessen ist bereits im August mit Bodenfrost zu rechnen. Vielleicht bringt der Klimawandel es mit sich, dass die Zwillbos später auf ihre Geburtstagseinladungen schreiben können „Bringt bitte Schlitten mit, wir gehen rodeln“. Aber das nur am Rande.

Zwölf Monate Zwillbos – bei Facebook gibt es doch die Möglichkeit, sich in Ereignissen als „überlebt“ oder zumindest „in Sicherheit“ zu markieren…[unsere Kinder denken vermutlich ähnlich]. Ich glaube, es steht noch nicht einmal zwischen den Zeilen, sondern direkt darin, dass es oft ganz schön anstrengend war. Und ist. Anstrengender als alles, was ich bisher erlebt habe. Doch mich hat auch noch nichts und niemand auf der Welt so sehr verändert wie Mads und Pepe. Ich höre auf das, was mein Gefühl mir sagt, auch wenn Zeitgeist und Gesellschaft andere Lieder singen. Ich setze engere Grenzen im Umgang mit anderen Menschen, auch wenn ich die meiner eigenen Kräfte derzeit öfter noch übertreten muss. Und dennoch: Ich wachse über ich hinaus und habe sehr viel mehr Kraft als ich es jemals für möglich gehalten hätte. 

…und schon stehen sie kurz vor der Einschulung!


An dieser Stelle sei vermerkt, dass die Zwillbos seltenst durchschlafen. Durchschlafen im Sinne des Wunsches der Erwachsenen, also von 19 bis 7 Uhr morgens in ihren Betten verschwinden und dort völlig lautlos im Standby-Modus verweilen. Im entwicklungsphysiologischen Sinne schlafen sie eigentlich immer durch, denn fünf bis sechs Stunden ist tatsächlich meist Ruhe, um nach einem kurzen Milchpulver-Zwischenstopp noch ein paar Stunden dranzuhängen. Es gibt also solche Nächte und solche, und genauso ist es bei den Tagen. Doch vergeht kein Tag, an dem wir nicht mit Babyliebe Kleinkindliebe überschüttet werden. Die ist manchmal etwas grob oder sehr fordernd. Sie kann aber auch strahlend, leicht und einfach zauberhaft sein. Und das vereinfacht das große Abenteuer, in dem wir uns seit nunmehr einem Jahr befinden ungemein. 
…Nebenbei bemerkt wüsste ich gerne, wie viele Stillgänge wir absolviert, wie viele Windeln wir gewechselt und wie viel Wäsche wir gewaschen haben. Ich nehme an, ein nicht unerheblicher Teil der Eisschollen, die derzeit in der Arktis abtauen, gehen auf unsere Rechnung.

Ohne dich

Eine Mutter ohne Mutter – nicht vollkommen plötzlich, aber zu plötzlich – muss mit dem Material arbeiten, das ihr bis dahin geschenkt worden ist. Ratschläge kommen aus dem Herzen, aus der Seele, sind nicht mehr spontan am Telefon oder Kaffeetisch abholbar, sondern erklingen von innen, verinnerlicht in einer Zeit vor dem Jetzt. Schön ist das nicht, aber es ist besser als nichts. 

Eine Mutter ohne Mutter ist in Wahrheit nicht ohne Mutter – zumindest nicht, wenn sie mehr als drei Jahrzehnte mit ihr gehen, sich von ihr tragen und umarmen lassen durfte. Drei Jahrzehnte können viel sein, aber auch nur ein Wimpernschlag. Sie waren viel zu wenig. 

Ich bin nicht ohne Mutter, denn ich wurde geboren, geliebt, aufgezogen, gehütet, beschützt, geprägt, bewahrt, freigelassen und immer aufgefangen. Sie ist nicht mehr so bei mir, wie ich es mein Leben lang gewohnt bin. Vermutlich wird mir das von nun an ein Leben lang wehtun, doch sie ist weiterhin da. Nur anders. Und doch fühle ich mich allein.

Unsere Beziehung geht weiter. Dafür sorge ich. Ich weiß, was zu tun ist. Bestimmt. Mama hat es mir doch ins Herz gelegt. Nicht unbedingt bewusst – wer konnte schon ahnen, dass es kommt, wie es kam? Doch legt uns das Geliebtwerden einen Kompass in unsere Seele. Jetzt ist es wohl an mir, ihn zu ergreifen. Nicht am Telefon, nicht am Kaffeetisch, nicht in einem Gartenstuhl im Sommer unterm Kirschbaum sitzend. 

Dort sitze ich jetzt ohne dich, und mein Herz bricht. Und dennoch bist du da. Weil ich es möchte und weil du es immer gewollt hast. Nichts geht verloren. Trotzdem vermisse ich dich, werde ich dich immer vermissen. Trotzdem weiß ich nicht, was werden soll. Ich weiß nur, dass es wird. Irgendwie. Weil du es so gewollt hast. Weil ich es möchte. Weil die Zwillbos es brauchen. Weil ich weiß, dass es bei anderen auch ging.