Zwei mal zwölf macht eins

Die Zwillbos feiern bald ersten Geburtstag. Und ich muss mich an dieser Stelle einer obligatorischen Phrase bedienen: Ich kann es kaum glauben! Ebenso wie ich mir vor ihrer Geburt in dem Hobbitkrankenhaus nicht vorstellen konnte, bald zwei Kinder auf einen Streich zu haben. Es ist nicht so, als ob es mir schon völlig selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen wäre, dass ich jetzt Mutter von zwei kleinen Jungs bin. Möglicherweise hat sich diese Vorstellung bis zu ihrer Einschulung im entsprechenden Teil meines Gehirns verankert. Vielleicht dauert es aber auch noch bis zu ihrer Führerscheinprüfung. 

Zumeist lässt unser Alltag gar nicht all zu viel Zeit darüber nachzudenken, dass ich jetzt Kinder habe. Generell lässt unser Alltag nicht viel Zeit, über irgendetwas nachzudenken, geschweige denn, Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt zu bilden und zu Ende zu sprechen. Doch hin und wieder sitze ich hier [ja, ich sitze], sehe den Zwillbo-Papa mit den Halblingen toben, und dann sage ich ungläubig zu ihm: „Guck mal, wir haben zwei! Zwei Kinder! Guck mal da! Da vorne! Zwillinge!!!“ Wir haben doch neulich noch unsere Freizeit bevorzugt damit verbracht, exzessiv und stundenlang Serien anzuschauen [ja, genau diese Art von Menschen waren wir!]. Heute weiß ich kaum mehr, wie man die Fernbedienung korrekt verwendet. 

Neulich waren sie noch hutzelig klein…


Dafür weiß ich, wie man Breispeisen jedweder Art zubereitet, dass Babys keineswegs schlafen wie das Baby des Volksmunds, ich weiß, dass es immer noch etwas schlimmer kommen kann als man es sich vorstellt, dass das Elterndasein aus der Windel- und Milchpulverwerbung die dickste Lüge seit der Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher ist, und das vor Spucke tropfende Küsse sehr wohl glücklich machen können. Ziemlich glücklich.
Es gab im vergangenen Jahr viele Momente, in denen ich Kommentare wie „Oh Zwillinge – doppeltes Glück!“ gerne mit einer Ohrfeige beantwortet hätte. Mit einer doppelten. Gleichwohl ich bei Bemerkungen à la „Zwillinge? Ich hätte mich erschossen!“ auch gerne geschossen hätte. Resümierend lässt sich vermerken, dass sich der Mensch im Allgemeinen rasch dazu berufen fühlt, seinen geistigen Senf beizusteuern – vorzugsweise ungefragt. Da spielt es keine allzu große Rolle, ob man einen Zwillingsbauch oder einen Zwillingskinderwagen vor sich herschiebt. 

Diesen Sommer hätte ich gerne 2015 gehabt

An dieser Stelle frage ich mich übrigens, warum der Sommer 2016 sich nicht mit dem des vergangenen Jahres messen möchte. Hohe Außentemperaturen sind bei Gemini ex uterus wesentlich besser zu ertragen. Doch statt dessen ist bereits im August mit Bodenfrost zu rechnen. Vielleicht bringt der Klimawandel es mit sich, dass die Zwillbos später auf ihre Geburtstagseinladungen schreiben können „Bringt bitte Schlitten mit, wir gehen rodeln“. Aber das nur am Rande.

Zwölf Monate Zwillbos – bei Facebook gibt es doch die Möglichkeit, sich in Ereignissen als „überlebt“ oder zumindest „in Sicherheit“ zu markieren…[unsere Kinder denken vermutlich ähnlich]. Ich glaube, es steht noch nicht einmal zwischen den Zeilen, sondern direkt darin, dass es oft ganz schön anstrengend war. Und ist. Anstrengender als alles, was ich bisher erlebt habe. Doch mich hat auch noch nichts und niemand auf der Welt so sehr verändert wie Mads und Pepe. Ich höre auf das, was mein Gefühl mir sagt, auch wenn Zeitgeist und Gesellschaft andere Lieder singen. Ich setze engere Grenzen im Umgang mit anderen Menschen, auch wenn ich die meiner eigenen Kräfte derzeit öfter noch übertreten muss. Und dennoch: Ich wachse über ich hinaus und habe sehr viel mehr Kraft als ich es jemals für möglich gehalten hätte. 

…und schon stehen sie kurz vor der Einschulung!


An dieser Stelle sei vermerkt, dass die Zwillbos seltenst durchschlafen. Durchschlafen im Sinne des Wunsches der Erwachsenen, also von 19 bis 7 Uhr morgens in ihren Betten verschwinden und dort völlig lautlos im Standby-Modus verweilen. Im entwicklungsphysiologischen Sinne schlafen sie eigentlich immer durch, denn fünf bis sechs Stunden ist tatsächlich meist Ruhe, um nach einem kurzen Milchpulver-Zwischenstopp noch ein paar Stunden dranzuhängen. Es gibt also solche Nächte und solche, und genauso ist es bei den Tagen. Doch vergeht kein Tag, an dem wir nicht mit Babyliebe Kleinkindliebe überschüttet werden. Die ist manchmal etwas grob oder sehr fordernd. Sie kann aber auch strahlend, leicht und einfach zauberhaft sein. Und das vereinfacht das große Abenteuer, in dem wir uns seit nunmehr einem Jahr befinden ungemein. 
…Nebenbei bemerkt wüsste ich gerne, wie viele Stillgänge wir absolviert, wie viele Windeln wir gewechselt und wie viel Wäsche wir gewaschen haben. Ich nehme an, ein nicht unerheblicher Teil der Eisschollen, die derzeit in der Arktis abtauen, gehen auf unsere Rechnung.

Ohne dich

Eine Mutter ohne Mutter – nicht vollkommen plötzlich, aber zu plötzlich – muss mit dem Material arbeiten, das ihr bis dahin geschenkt worden ist. Ratschläge kommen aus dem Herzen, aus der Seele, sind nicht mehr spontan am Telefon oder Kaffeetisch abholbar, sondern erklingen von innen, verinnerlicht in einer Zeit vor dem Jetzt. Schön ist das nicht, aber es ist besser als nichts. 

Eine Mutter ohne Mutter ist in Wahrheit nicht ohne Mutter – zumindest nicht, wenn sie mehr als drei Jahrzehnte mit ihr gehen, sich von ihr tragen und umarmen lassen durfte. Drei Jahrzehnte können viel sein, aber auch nur ein Wimpernschlag. Sie waren viel zu wenig. 

Ich bin nicht ohne Mutter, denn ich wurde geboren, geliebt, aufgezogen, gehütet, beschützt, geprägt, bewahrt, freigelassen und immer aufgefangen. Sie ist nicht mehr so bei mir, wie ich es mein Leben lang gewohnt bin. Vermutlich wird mir das von nun an ein Leben lang wehtun, doch sie ist weiterhin da. Nur anders. Und doch fühle ich mich allein.

Unsere Beziehung geht weiter. Dafür sorge ich. Ich weiß, was zu tun ist. Bestimmt. Mama hat es mir doch ins Herz gelegt. Nicht unbedingt bewusst – wer konnte schon ahnen, dass es kommt, wie es kam? Doch legt uns das Geliebtwerden einen Kompass in unsere Seele. Jetzt ist es wohl an mir, ihn zu ergreifen. Nicht am Telefon, nicht am Kaffeetisch, nicht in einem Gartenstuhl im Sommer unterm Kirschbaum sitzend. 

Dort sitze ich jetzt ohne dich, und mein Herz bricht. Und dennoch bist du da. Weil ich es möchte und weil du es immer gewollt hast. Nichts geht verloren. Trotzdem vermisse ich dich, werde ich dich immer vermissen. Trotzdem weiß ich nicht, was werden soll. Ich weiß nur, dass es wird. Irgendwie. Weil du es so gewollt hast. Weil ich es möchte. Weil die Zwillbos es brauchen. Weil ich weiß, dass es bei anderen auch ging. 

Wie mich Kinderreisepässe beinahe den Verstand kosteten

Wir haben jetzt Kinderreisepässe. Das ist nichts besonderes, mögen einige Miteltern jetzt sagen. Mir persönlich war ja nicht einmal klar, dass wir diese benötigen, sobald wir das Land auch nur in Richtung holländische Nordseeküste verlassen. Jedoch, befreundete Mütter und die Internetpräsenz des Auswärtigen Amtes – die in etwa die gleiche politische Position haben – haben mich aufgeklärt. Schengener Abkommen hin oder her, man darf nicht einfach x-beliebig seine Babys ex- und reimportieren, man benötigt anständige Papiere. Da macht die Bürokratie dann auch keinen Unterschied zwischen Niederlande, Nicaragua oder Nepal.

Unsere Kinder ohne entsprechende Unterlagen ins Nachbarland auszuführen war selbst uns ein bisschen zu viel Rock’n’Roll, die Elternrolle macht einen tatsächlich anständiger. Weil wir aber leider zuweilen der semiprofessionellen Prokrastination anheimfallen, haben wir den Amtsgang seit Februar aufgeschoben. Ist doch auch viel knackiger vom Ablauf her, wenn man damit bis kurz vor den Sommerferien wartet. Dann bekommt man nämlich kaum mehr einen Termin bei der Stadtverwaltung und darf stundenlang mit den Kindern, die offenbar mitzubringen sind, in mit Industrieflor ausstaffierten Warteräumen rumhängen. Oder man belästigt Verwaltungskräfte in einem Außenbezirk, so wie wir. In der Nordstadt. 

Kalter Rauch und froher Mut

Frühmorgens wuchten wir die Autoschalen mit den nicht mehr ganz so fliegengewichtigen Zwillbos in den Fahrstuhl der etwas traurig wirkenden Bezirksstelle. Die Türen schließen sich und lassen uns mit kaltem Zigarettenqualm zurück – ob abgestanden oder ausgedünstet lässt sich nicht feststellen. Die dezent schmierigen Knöpfe an dem Aufzug drücke ich nicht so gerne, aber in die vierte Etage möchte ich auch nicht klettern. „Ach“, sage ich leichthin, „ist doch eigentlich ganz praktisch, sowas mal eben schnell irgendwo außerhalb zu erledigen…“. Kurz beglückwünschen wir uns selbst zu diesem Coup, der uns über unsere Aufschieberei großzügig hinwegsehen lässt. 

Als wir aus dem Lift treten, begrüßen uns braune Kunststoffstühle, brauner Teppichboden, braune Fensterrahmen und ein Monitor, auf dem die Wartenummern erscheinen, vor einer vergilbten Wand. Ganz offensichtlich sind wir hier nicht im Paradebezirk abgestiegen. Die Kinder verbringen die Wartezeit also in ihren Sitzen, schließlich benötigen wir vorm Urlaub keine exotischen Infekte mehr. „Wird ja wohl schnell gehen an einem Mittwochmorgen“, denke ich mir und blicke auf die Anzeige, als sich nacheinander eine ältere Dame und ein Herr nicht näher zu bestimmenden Alters mit Krücken in den Raum mühen. 

Es ist 8.36 Uhr. „Ich hab einen Termin um 9 Uhr, aber meine Nummer ist schon vorbei“, sagt sie. Wir gucken sie an, dann den Monitor, dann wieder sie. „Die Zahlen erscheinen nicht chronologisch“, sagt der Zwillbo-Vater. „Wer ist denn jetzt gerade drin?“, fragt die Dame, „welche Nummer ist denn dran? Sind die schon lange drin? Wann haben Sie denn den Termin?“ Sie nestelt an den Papieren in ihren Händen herum. Ich atme. „Die Nummern, die dort erscheinen, sind nicht zwangsläufig aufsteigend geordnet“, versucht der Mann es erneut, „Unser Termin ist um 8.40 Uhr.“ „Ach so“, sagt die Seniorin, „dann warte ich.“ 

Unterdessen bekommt der bekrückte Herr einen stattlichen Hustenanfall, der mich an Tuberkulose denken lässt, den Zwillbos kullern vor lauter Interesse um ein Haar die Augen aus dem Kopf. „Ich bin um 9.10 Uhr dran“, nuschelt er, und wir hoffen, dass er es tatsächlich bis dahin schafft. „Das geht da ja gar nicht voran“, sagt die ältere Dame. „Wer ist denn jetzt drin? Ist gerade jemand drin?“ „Wir haben niemanden reingehen sehen, aber man wird ja aufgerufen“, hebt der Zwillbo-Papa erneut an. „Welche Nummer haben Sie denn“, möchte die Dame jetzt von uns wissen. „Die 338“, sagt mein Mann. Ich atme. „Ich habe die 315“, sagt sie, „aber die war ja schon!“ Ich atme. „Die Nummern sind nicht chronologisch“, sage ich dann. Vielleicht etwas nachdrücklicher. 


Eine Familie drückt die Tür auf, hinter der die Büros liegen und verlässt den Warteraum Richtung Treppenhaus. „Gehen Sie jetzt rein?“, fragt die Rentnerin, „sonst geh ich“, und peilt die Tür an. „Man wird aufgerufen!“, sagt mein Mann energisch. Sein Sitznachbar atmet schwer, die Zwillbos sind beeindruckt. „Achso, ja, ist gut“, sagt die Dame. Ich atme. Tiefer. Unsere Nummer erscheint um 8.55 Uhr, wir hieven unsere Nachkommenschaft und unsere Tasche samt Unterlagen hoch und machen uns auf zu Zimmer 23. 

Zimmer 23 ist so klein wie eine Briefmarke und beherbergt zwei Verwaltungsfachangestellte, 20 manikürte Acrylnägel, drei kuriose Porzelan-Igel, diverse Stempel, Bildschirme, Drucker, Flaschen mit Diätcola, Akten und zahllose Papiere. Wir quetschen uns zu viert auf zwei Stühle, die Zwillbos haben längst keine Lust mehr, in ihren Schalen zu liegen und wibbeln unternehmungslustig auf unseren Knien herum. Pepe nimmt bereits den ersten Aktenstapel in Augenschein, während Mads versucht, die Klarsichthüllen mit den Geburtsurkunden aus der väterlichen Hand zu entwenden. Vor dem Schreibtisch nebenan sitzt eine fünfköpfige türkische Familie, die unser Auftritt sichtlich interessiert. 

Das Chaos nimmt seinen Lauf

„Jetzt dürfte es ja eigentlich fix gehen“, denke ich mir. Schließlich ist der Mann immer gut organisiert und die Frau vor uns macht das hauptberuflich… Wir händigen ihr die Geburtsurkunden unserer Kinder sowie die Passbilder aus. Auf denen sehen die Zwillbos aus wie Gespenster, den irgendwer einen gehörigen Schrecken eingejagt hat. „Aha“, sagt die Dame vom Amt, „Mads und Pepe. Wer ist jetzt wer?“ Wir zeigen es ihr, sie beginnt zu tippen und zu rödeln, sie holt Blanco-Ausweise aus dem Nebenzimmer, tippt weiter und plaudert. Ich kann nicht richtig zuhören, Pepe pfeffert unterdessen jedes ihm dargereichte Spielzeug durch den Raum. Stattdessen möchte mir der Erstgeborene lieber eine neue Frisur verpassen, mit deutlich weniger Haaren. Ich lächele angestrengt, schließlich haben wir alles unter Kontrolle. 

Die Amtsfrau tippt und druckt und klebt. Wir unterschreiben und hindern zeitgleich Pepe daran, die Schreibtischunterlage aufzuessen und Mads, sich den Kugelschreiber in den Rachen zu rammen. „Soooooo“, sagt die Dame mit den modischen Nägeln, „schauen Sie mal, ist das Mads?“ Ich blicke auf das Bild. Ja. Ist er. Der Mann schaut sich den Ausweis ebenfalls an. „Aber da steht Pepe“, wendet er ein. Tatsache. Ich geniere mich kurz, weil ich nur auf das Foto geguckt habe – und das zeigt Mads. Der Mann und die Verwaltungsfachangestellte schauen einander kurz an. „Oh“, sagt sie, und ich sehe genau, dass beide kurz überlegen, ob man das so lassen kann. Auf gar keinen Fall, meine Kinder sollen keine illegalen Ausweispapiere besitzen. Die Dame beginnt von vorn, sortiert Fotos, holt einen neuen Blanko-Ausweis von nebenan, tippt. „Jetzt müssen wir aber gut aufpassen“, sagt sie und vergewissert sich mehrfach der Übereinstimmung von Text und Bild. Wir müssen gut aufpassen. So, so. Mittlerweile habe ich mich mit Pepe auf dem Arm hingestellt, der sich kurz damit zufrieden gibt, die Hubbel von der amtlichen Raufasertapete zu knibbeln. Ich tue so, als würde ich es nicht bemerken.

Ein Paar mit zwei Kindern setzt sich vor die unterdessen freigewordenen Stühle des angrenzenden Schreibtischs. Da schiebt sich ein silbergelockter Kopf durch die Tür: „Bin ich jetzt dran?!“ Der Mann und ich gucken uns an. Ich atme. „Ich habe Sie aufgerufen, aber sie sind nicht gekommen“, sagt die Acrylnagelkollegin. „Doch, ich stand hier vor der Tür, ich wusste nicht, dass ich schon rein kann“, entgegnet die Seniorin. Gleich muss ich lachen. Oder schreien. Ich atme. „Dann müssen Sie jetzt noch einen Moment warten“, sagt Amtsfrau Zwei und bedeutet der Familie, sitzen zu bleiben. 

Verschollene Passbilder

Wir unterschreiben zwei weitere Male unter Einsatz all unserer Kräfte. Die Zwillbos haben mittlerweile überhaupt kein Verständnis mehr dafür, warum man ihren Entdeckerdrang mit einem langweiligen Büro beleidigt. Mir drohen die Arme abzufallen, weil sich darin 10,5 widerwillige Kilogramm winden. Meine neue Frisur sitzt. Oder besser gesagt, steht. „Die Fotos habe ich Ihnen wiedergegeben?“, fragt Amtsfrau Eins. Hat sie nicht, aber auf ihrem Schreibtisch, der aussieht, als sei er einem Luftangriff zum Opfer gefallen, können wir sie nicht ausmachen. Ich überlege kurz, ob das Taktik ist und sie auf diesem Wege illegal an Babypassbilder für eine gruselige Sammlung kommt, verwerfe den Gedanken allerdings und beschließe, dass die Fotos von Mads‘ gespenstischem Konterfei vermutlich nur hinter irgendeinen Aktenstoß gerutscht sind. 

Der Mann zahlt unsere hart erwarteten Ausweise, dann wursteln wir uns irgendwie aus dem Miniaturbüro, ohne ein Kind fallen zu lassen. „Bin ich jetzt dran“, tönt es da neben meinem Ohr…

„Haben Sie Schlafstörungen?“ – „Ja, zwei…“

Seit knapp zehn Monaten wird meinem Schlafvermögen mehr Dynamik abverlangt als einem olympischen Stabhochspringer. In der ersten Woche nach Geburt der Zwillbos habe ich insgesamt vielleicht sieben Stunden geschlafen. Alles war viel zu neu und aufregend für mich. Und wenn ich nicht stillen oder abpumpen musste, hat neben mir ein frischausgelieferter kleiner Mensch kuriose Geräusche gemacht. Oder eben nicht, und dann lauscht man die ganze Zeit darauf, ob die Kinder denn tatsächlich noch atmen [dass Muttersein ein Paradoxon in sich ist, hatte ich ja bereits verschriftlicht…].

Irgendwann habe ich Strategien entwickelt, trotzdem ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Oder ich war einfach so erschöpft, dass ich geschlafen habe. Aber so kleine Kinder sind ja effektiver als jeder Psychothriller, man weiß einfach niemals nie, wann der nächste Bordservice verlangt oder die nächste Windel gewechselt werden muss – für mich sind solche Unwägbarkeiten ja eigentlich überhaupt nichts, zumindest nicht, wenn ich abschalten und gut schlafen soll/will/muss [im übrigen alles nicht sehr schlaffördernde Vokabeln]. 

Hörbücher gegen Babygeräusche

Als ich mich dann irgendwann auf diesen Neugeborenen-Thrill eingegroovt hatte und zumindest nachts immer geschlafen habe, wenn die Babys schliefen – wer auch immer sich diese oft praxisferne Weisheit erdacht hat – , kam das nächste Level: Pepe fing in der zweiten Nachthälfte an, vor sich hin zu rödeln. Das Kind schlief zwar zwei bis vier Stunden am Stück, war aber mehr oder weniger aktiv und lautstark mit verdauen beschäftigt [ja, liebe Nicht-Eltern, mit der Entbindung beginnt der Lebensabschnitt, in dem man irgendwann völlig unbekümmert, sehr selbstverständlich und immer ziemlich anschaulich über Ausscheidungen aller plaudert]. Das hat mindestens mich, gerne aber auch den Zwillbo-Papa und den Zwillingsbruder am Schlafen gehindert. Also hab ich angefangen, nachts Hörbücher zu hören. Gerade so laut, dass ich mir einbildete, noch wach zu werden, wenn eines der Kinder Atemaussetzer hat, aber eben laut genug, um Peperonis digestivbedingter Geräuschkulisse etwas entgegenzusetzen. Dabei habe ich mit Vorliebe Bücher gehört, die ich schon kannte, denn war die Handlung neu für mich oder zu spannend, war ich abgelenkt. Wohingegen mich zu triviale Erzählungen unglaublich schnell genervt und so ebenfalls vom Schlafen abgehalten haben. Ihr seht, adäquate Literatur zu finden, ist gar nicht so einfach. 

Mit den Monaten haben die Kinder irgendwann tatsächlich besser geschlafen. Weder durch noch aus [im erwachsenen Sinne], aber wesentlich besser. Zuerst war mir das ein Fest! Vier, fünf oder sechs Stunden Schlaf am Stück – nach monatelangem Gewecktwerden im Anderthalb- bis Zwei-Stunden-Takt würde man für immer auf Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke verzichten, garantierte einem der Nachwuchs dauerhaft solche Ruhezeiten. Doch zumindest im Hause Doppelkinder ist Schlaf keine stabile Angelegenheit. Seit uns vor ein paar Wochen der letzte Virus heimgesucht und aufgrund fontänenartiger Speiattacken der Zwillbos die Waschmaschinentrommel zum Glühen gebracht hat, ist es wieder Essig mit einem adäquaten Rhythmus. Die Kinder schlafen meist wunderbar ein und sind schon nach drei Sekunden Matratzenkontakt nicht mehr ansprechbar. Aber sobald ich zwei, drei Stunden später die Augen zugemacht habe, fällt der Startschuss zur Bandprobe. Meist wird Heavy Metal geprobt, manchmal Stand-up-Comedy, immer wird dabei mein sichtlich fadenscheiniges Nervenkostüm weiter durchlöchert. 

Zumindest klappt “ Liegen, wenn das Baby liegt“ hier ganz gut…


Bleibt es ruhig, muss man nicht meinen, dass ich selig schlummere. Offenbar hat sich mein Gehirn nach monatelangem Shuffle-Betrieb, absolut nicht voraussagbaren Flaschen-, Schnuller und Still-Appellen selbst auf dauerhafte Alarmbereitschaft gestellt. Schließlich will auch die meiste Zeit des Tages immer irgendwer irgendwas von mir. So sind die Abende, an denen ich zurzeit einfach mal entspannt einschlafe selten, das überlastete System fährt nur langsam runter – wenn überhaupt. Zuweilen kommt es vor, dass ich wach da liege, obwohl niemand den Panik-Buzzer drückt. Obwohl die Jungs friedlich schnorcheln. 

Schlafen, wenn das Baby schläft – an Punkten totaler Erschöpfung gelingt mir das, dann wenn mein Schlaf eher einer Bewusstlosigkeit gleicht. Aber es wird bestimmt besser, in 18 Jahren ungefähr. 

Die Kunst des Loslassens

Muttersein ist das größte Paradoxon, das mir je untergekommen ist. Schon mit der Durchtrennung der Nabelschnur bei der Geburt lautet das Motto „Loslassen und festhalten zugleich“. Die Kinder streben mit jeder Minute mehr in die Welt und wollen und müssen doch getragen werden.

In dem Augenblick, in dem die Zwillbos entdeckten, dass sie sich selbstständig vom Fleck bewegen können, setzte bei ihnen neben großem Erkundungsdrang ebenso große Panik ein. Wie beunruhigend, wenn ich mich wegbewegen kann, können Mama und Papa das wohl auch. Huch, mit so viel Kontrolle über mein Leben bin ich überfordert. Vielleicht sind das Gedanken und Gefühle, die die ersten eigenständigen Fortbewegungen meiner Kinder begleiten. 

Babys brauchen einen Verbündeten

Dass man als Mutter ähnlich tickt wie sein frisch ausgelieferter Nachwuchs, das wird einem ziemlich flott klar. Man ist dünnhäutig, sensibel, schnell überfordert mit all dem Neuen, und wehe, man ist nicht ausgeschlafen – dann ist das Geheule groß. Mir hat mal eine kluge Hebamme gesagt, das sei schon ganz richtig so, dass Mütter so fühlen. So seien die Babys mit all ihren Ängsten und Nöten nicht allein, sondern hätten schon jemanden, der ebenso empfindet wie sie, der sie nachvollziehen kann. 

Manchmal geht’s nicht miteinander. Aber ohne einander auch nicht.


Wie ambivalent die Gefühlswelt zwischen Müttern und Kindern ist, wird mir immer so richtig bewusst, wenn die Zwillbos total anstrengend sind. Wenn sie Phase haben (Danke Chaoshoch2 für diesen Ausdruck!). Wenn sie zu kleinen Kotzbrocken mutieren, denen man es scheinbar nicht recht machen kann. Die an einem kleben und damit doch nicht zufrieden sind. Die die streichelnde Hand wegstoßen, den Kopf mit missmutig verzogenem Schnütchen vor dem mit liebevoll selbstgekochten Brei gefüllten Löffel wegdrehen, die jedes Spielzeug in die Ecke donnern, das man ihnen anreicht. Dann dauert es nicht lange, und ich fühle mich genauso wie meine Kinder. Dann laufen die Tränen und ich möchte mich auf den Boden werfen und brüllen. Oder jemanden an den Haaren ziehen oder kratzen.

Trennung nur mit Zähneknirschen 

Nun sollte man annehmen, dass ich ein Fluchtangebot oder ein Nur-Hinflugticket nach ganz weit weg in solchen Momenten dankend und ohne viel Aufhebens annehmen würde. Weit gefehlt! Das sind die Stunden, in denen ich mich an die Kinder klammere, in denen ich sie kaum mal ihrem Vater oder ihrer Oma in den Arm oder Kinderwagen legen kann, um mal kurz auf Abstand zu gehen. Selten kann ich mich so schwer trennen, als wenn die Zwillbos so richtig ungemütlich werden. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, woran das liegt, muss dieses Mutterding sein. Dabei wäre es wohl oft in genau diesen Situationen richtig, einmal loszulassen und Kraft zu tanken. Deswegen zwinge ich mich manchmal dazu. Dann lasse ich den Papa machen. Zähneknirschend. Und lerne, mich zu sammeln.

Biss zur Mittagsstunde

Mein erstgeborener Zwillbo verfügt mittlerweile über recht adäquates Kauwerkzeug. Seinen unteren Gaumen zieren zwei kleine Mausezähnchen, wohingegen sich aus dem oberen Kiefer vier gigantisch erscheinende Hauer ihren Weg durchs Zahnfleisch bahnen. Man muss jedoch nicht meinen, dass das Kind sein Werkzeug großartig zum Kauen einsetzt. Es bearbeitet mit Vorliebe jegliche Form von fester Nahrung so lange mit Spucke, bis er sie bequem herunter schlucken kann. Insbesondere den Zwillbo-Papa graust es jedesmal, wenn er dazu angehalten ist, einen matschigen Reiswaffelkrümel vom Kind/Boden/aus der kindlichen Halsfalte zu klauben. Mütter sind da ja irgendwie erfahrungsgemäß schmerzbefreit. [Ich erwischte mich auch bereits bei dem Versuch, einen Zwillbo mittels Spucke am Finger eines Breiflecks zu entledigen – ich habe mich arg vor mir selbst erschrocken.]

Nun nuckelt dieses Kind, das den Mund quasi voller Zähne hat, ziemlich manierlich und oft mit wenig Schweinerei sein Essen weg. Dennoch sind seine Zähne jetzt zum Einsatz gekommen. Bislang fanden es die Zwillbos aus mir unerfindlichen Gründen ganz prima, mir mal halbwegs liebevoll an der Schulter zu nagen. Oder am Knie. Was ihnen gerade so vor die Schnute kam. Dies ging aber stets relativ sanft von statten. Heute Mittag allerdings hat der Erstgeborene mir einfach mal ganz beherzt in den Arm gezwickt. Wie ein kleiner Dackel. 

Ich habe laut „Aua“ gerufen und ein bisschen geschimpft. Offenbar kam die Botschaft an. Das Kind hat sich sogleich an meiner Schulter versteckt und war den Rest des Tages äußerst vorsichtig – zumindest mit seinen Zähnen. Obschon ich ihn bei Kontaktaufnahme stets ermahnt habe, schließlich hat’s mich ordentlich gezwickt, und wie und wann soll man den Zöglingen sonst vergegenwärtigen, dass Bisse im allgemeinen keine Liebesbekundung sind – es sei denn man ist ein Hund oder ein Fuchs oder etwas vergleichbares? 

Der jüngere Bruder weiß sein dentales Talent hingegen bereits ganz gut zu nutzen, doch ebenfalls nicht immer konstruktiv. Obwohl er bislang lediglich mit zwei unteren Schneidezähnen und der winzigen Spitze eines Eckzahns gesegnet ist, kaut er hurtig und gerne alles an Brot und Snacks, was er in die Finger bekommet. Und nicht nur das. Dass kein Karton und keine Zeitschrift in Mads‘ Nähe liegen kann, ohne dass er daraus Pappmaché macht, wussten wir schon. Kürzlich jedoch musste der Zwillbo-Papa einen leuchtend roten Fetzen aus dem Mundraum seines Sohnes entfernen. Es war ein Stück Krabbelmatte. 

Auch heute hat er sich wieder an dem Gummibelag zu schaffen gemacht – und mich bei Ermahnung so frech angegrinst, dass ich Pädagogik-Dilettantin lachen musste. Zum Glück ist dann meine Freundin mit einem entschiedenen „Nein“ eingesprungen, und der kleine Vandale hat tatsächlich von der Matte abgelassen. 

Ich beginne zu ahnen, welche Zeiten da auf uns zukommen…